108 Wie das Haus zu seinem Namen kommt.

Ernst entdeckt in der Schublade von Ernsts Küchentisch ein Tagebuch.

25. April 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr gut.

28. April 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.

7. Mai 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.

8. Mai 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.

10. Mai 1864
Mittags grosse Taube. Schwermut bleibt. Gegen Jause besser. Nach der Jause wieder Unruhe. Abends Suppe sehr sehr gut. Nacht gut (Taube vielleicht an allem schuld).

16. Mai 1864
Mittags Rindfleisch sehr geschmeckt Taube weniger.

21. Mai 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.[1]

Und auf einem beigelegten Zettel heisst es:

Schneide die jungen Tauben, eine jede zu 4 Theile, salze selbe ein, gieb sie in ein Kasterol mit etwas Rindsuppe, lass es dünsten, dann gieb in ein anderes Kasterol ein Stückel Butter, lass ihn zerschleichen, gieb eine Handvoll geschnittenen Sauerampfen hinein, lass selben etwas dünsten, gieb die Tauben dazu, lass selbe auch mit dünsten, staube etwas Mehl oder Semmelbrösel daran, lass es anlaufen, gieb Rindsuppe, und das Herausgedünstete von denen Tauben dazu, lass es aufsieden, gieb ein Paar Löffel Ram dazu, dann zur Tafel.[2]

Ernst sagt: «Ist das nicht seltsam? Obwohl Ernst noch nie Tauben gegessen hat, ist Ernst überzeugt, dass Ernst Tauben nicht mag.» Suðri meint, er habe schon mehrmals Pigeon en Esabèche gekocht, auch die Pigeonneaux sur canapés seien vorzüglich. Ernst winkt ab. Ernst will keinen neuen Frater Felix heraufbeschwören.

Suðri sieht, wie eine düstere Wolke über Ernst lagert und ruft: «Every cloud has a silver lining.»[3] Er macht ein paar Schritte zur südlichen Fensterfront und sagt: «Ursprünglich waren es vier Zimmer, aber da Herr Ernst am liebsten in einem einzigen Raum wohnt, brachen wir die Wände heraus. Dann haben wir auch Ernsts Schwellen- und Simsmuseum gezügelt.[4] Ich hoffe, Herr Ernst ist mit der Placierung einverstanden.» Ernst strahlt und Suðri fügt an: «Nun fehlt nur noch der Name für Ernsts Domizil.»

Ernst erinnert Ernst, wie Ernst mit Madame Debienne ein Croissant pur beurre und Brillat Savarin mit frischen Cranberries ass.[5] Um die Kilokalorien zu verbrennen, schlenderte Ernst zum Fluss hinunter und betrachtete die Fischerboote, die am gegenüberliegenden Quai vertäut waren. Gut möglich, dass Ernst noch ein paar Zeilen aus dem Gedicht «essen, ein stück mit aufblick» von Ernst Jandl recitierte:

im ek as ernst so wi am ke
am ke as ernst so wi am se
am se as ernst so wi im nu
im nu as ernst so wi in ru.

Dann schlenderte Ernst zurück zur Kastanienklause. Ernst summt voller Saudade: «Ernsts Kastanienklause! Einen schöneren Namen gibt es nicht!» Da ruft Suðri mit einem sanften Forte: «Beim Umbau wurde eine Flaschenpost gefunden.» Er nimmt einen vergilbten Zettel aus der Flasche und liest:

Tiens, il est neuf heures. Nous avons mangé de la soupe, du poisson, des pommes de terre au lard, de la salade anglaise. Nous avons bien mangé, ce soir.[6]

Ernst ruft: «Tiens, il est neuf heures – das ist der Anfang der kahlen Sängerin, wo Madame und Monsieur Smith vor einem englischen Cheminée auf ihren englischen Fauteuils sitzen. Monsieur Smith trägt englische Pantoffeln, raucht eine englische Pfeife, trägt eine englische Brille und liest eine englische Zeitung. Es folgt ein langer Moment voll englischer Ruhe, dann schlägt die englische Pendeluhr siebzehn englische Schläge.»[7] Suðri fragt: «La pendule anglaise frappe dix-sept coups?» Ernst präcisiert: «Dix-sept coups anglais.» Suðri reibt sich die Hände und ruft:

Comme c’est curieux ! comme c’est bizarre ! et quelle coïncidence ![8]

Ernst murmelt: «Das ist absurd.» Da dies bei Suðri keine Reaction auslöst, murmelt Ernst lauter: «Absurd!» Da hört Ernst einen Pfiff und sieht ein Murmeltier. Ernst fragt, ob Suðri gepfiffen habe und das Murmeltier sagt: «Ja, das war ich.» Ernst fragt, warum Suðri gepfiffen habe und das Murmeltier sagt: «Ich habe gepfiffen, um Ernst auf die Sprünge zu helfen.» Das Murmeltier stösst einen zweiten Pfiff aus und fragt, ob Ernst der erste Pfiff nicht gefallen habe. Ernst sagt: «O doch, sehr sogar.»[9] Da stösst es einen dritten Pfiff aus und ruft: «Heureka!» Dann zeigt das Murmeltier auf die Flaschenpost und sagt: «Der Name für Ernsts neues Domizil ist ‹La maison de la cantatrice chauve›.» Ernst ist perplex und Suðri wiederholt: «Das Haus der kahlen Sängerin.»


[1] Adalbert Stifter, Mein Befinden

[2] ebenda

[3] Wo Schatten ist, ist auch Licht.

[4] Episoden 23, 27

[5] Episode 4

[6] Mme Smith zu Monsieur Smith: «Hm! Es ist neun Uhr. Wir haben Suppe, Fisch, Kartoffeln mit Speck und einen englischen Salat gegessen. Wir haben gut gegessen, heute Abend.» Eugène Ionesco, La cantatrice chauve, scène I, Übersetzung Ernst. Uraufführung 11. Mai 1950, Théâtre des Noctambules, Paris. Seit 1957 steht «Die kahle Sängerin» täglich auf dem Spielplan des Théâtre de la Huchette, womit das Stück bis heute mehr als 18’500 Mal aufgeführt worden ist.

[7] Intérieur bourgeois anglais, avec des fauteuils anglais. Soirée anglaise. M. Smith, Anglais, dans son fauteuil et ses pantoufles anglais, fume sa pipe anglaise et lit un journal anglais, près d’un feu anglais. Il a des lunettes anglaises, une petite moustache grise, anglaise. A côté de lui, dans un autre fauteuil anglais, Mme Smith, Anglaise, raccommode des chaussettes anglaises. Un long moment de silence anglais. La pendule anglaise frappe dix-sept coups anglais. Ebenda, scène I

[8] Wie sonderbar! wie bizarr! und was für ein Zusammenspiel! Ebenda, scène IV

[9] Episode 91 (Cadenz)