107 Die Teestunde #1

Gná: Und? Haben Sie sich gut eingelebt?

Ernst: Als erstes möchte Ernst Ernst bei Ihnen bedanken, dass Sie Ernst geholfen haben.

Gná: Das war doch selbstverständlich. [Gibt Suðri ein Zeichen, den Tee zu servieren] Auch Hofvarpnir hatte seinen Spass daran.

Ernst: Ihr Pferd?

Gná: [nickt] Hofvarpnir: der Hufwerfende. Seine Mutter hiess Garðrofa und sein Vater ist Hamskerpir: die Zaunbrecherin und der Magere. [nippt am Tee] Und Ernst?

Ernst: Wie meinen Sie?

Gná: Was bedeutet Ernst?

Ernst: Ernst kommt von Ernust: der zum Kampf Entschlossene.

Gná: Und? Trifft das auf Sie zu?

Ernst: Leider nein.

Gná: Haben Sie schon an einen Namenswechsel gedacht?

Ernst: Nein, nicht wirklich.

Gná: Und unwirklich?

Ernst: [nippt am Tee] Auch nicht.

Gná: [nippt am Tee] Gefällt es Ihnen in Ihrem neuen Domizil?

Ernst: Ernst hatte noch gar keine Zeit, Ernst umzusehen. Dann war noch die Schlüsselübergabe!

Gná: Ich habe gehört, dass Sie befürchten, überwacht zu werden.

Ernst: Was Ernst beunruhigt, ist, dass Suðri, Norðri, Vestri und Austri und auch Durinn und sein Team aus dem Nichts auftauchen und wieder spurlos verschwinden. Und sie scheinen alles zum Voraus zu wissen. Sie kennen Ernsts Lieblingstee, auch Ernsts Fingerabdruck ist bekannt.

Gná: Das kommt daher, dass Sie noch in den alten Kategorien denken.

Ernst: Wie meinen Sie?

Gná: Da, wo Sie sich jetzt aufhalten, läuft die Zeit nicht in Sekunden oder Minuten ab, sie ereignet sich.

Ernst: [überrascht, dass Gná so leicht und mit philosophischer Präzision zur Sache kommt, nimmt Zuflucht zu einem Zitat.] Time: the pressant?[1]

Gná: [unbeeindruckt] Erinnern Sie sich an die Email von Nordlicht?

Ernst: Nordlicht hat verschiedene Emails geschrieben.

Gná: Ich denke an jene, wo Nordlicht die Sterne erwähnt:

… träumerisch, ungreifbar und schwebend –
wie oft zu ihnen geschaut,
die Erde aus Sternenstaub entstanden …[2]

Ernst: [in Gedanken versunken] Mh …

Gná: Da erwähnen Sie in einer Fussnote, dass ‹Ereignis› auf ‹eröugen›, zurückgeht und ursprünglich ‹vor Augen stellen› bedeutete. Das trifft die Sache: Da, wo Sie jetzt sind, spielt sich ‹Zeit› nur ab, wenn sich etwas ereignet. ‹Zeit› kann gesehen werden.

Ernst: Suðri sagte neulich, ‹wenn ich nicht hier bin, dann bin ich nicht›.

Gná: Hahaha!

Ernst: [nippt am Tee] Nun hat Ernst aber noch eine andere Frage.

Gná: Ja?

Ernst: Wo befindet Ernst Ernst zurzeit?

Aber justgenauda wiehert Hofvarpnir. Gná pustet Ernst eine Kusshand zu und ruft: «A presto!» Ernst sieht, wie sie über dem Grenzfluss noch einen Looping dreht, ihre Zöpfe fliegen hin und her, dann ist sie ausser Sichtweite.


[1] Zeit pressiert im Präsens. James Joyce, Finnegans Wake, 221. Übersetzung Ernst

[2] Episode 89