102 Wie sich Ernst auf den Weg macht.

Ernst schliesst Ernsts Eremitage ab und schaut erwartungsvoll zum Fluss hinunter, wo Ernst (mit geschlossenen Augen) einst das Feuerwerk sah.[1] Da bemerkt Ernst, dass alles um Ernst herum – der Kastanienbaum, das Monasterium in der Ferne, die wiederkäuende Kuh[2] – und auch ernstselbst bald grün, bald blau in blau schimmert. Zuerst glaubt Ernst, einer Sinnestäuschung zu erliegen, doch dann dämmert es Ernst und Ernst summt:

Yf they say the mone is blewe
We must believe that it is true.[3]

Ernst ruft Ernst ins Gedächtnis, wie Maria Bernada Sobeirons leichtfüssig den Abhang hinunterschritt.[4] Sie war nicht allein, sondern wurde von den Fratres begleitet. Ernst jedoch hat niemanden an Ernsts Seite. Ernst murmelt:

Solo e pensoso i più deserti campi
vo mesurando a passi tardi lenti,
et gli occhi per fuggire intenti
ove vestigio human l’arena stampi.[5]

Am Flussufer angekommen, hält Ernst inne. Soll Ernst dem Schild des Dentisten folgen oder Ernsts Schritte nach rechts wenden und flussabwärts wandern? Ernst schaut über das Wasser, das im Mondlicht porzellanblau schimmert. Da kommt Ernst Matsuo Bashô in den Sinn.

In diesem 2. Jahr Genroku[6] ist es also soweit, die leichthin ins Auge gefasste Wanderübung auf langen Pfaden durchs Hinterland wirklich anzutreten. Sicher wird mir so manches widerfahren: Unter dem fernen Himmel – und sei es über dem Lande Wu[7] oder woanders – wird auch mein Haar ergrauen. […] Meine Kehle schnürte sich zu, als ich an die bevorstehenden 3000 Meilen denken musste. Ich stand an der Wegkreuzung der Traum-Illusionen und vergoss Tränen des Abschieds.[8]

Ernst erinnert Ernst, dass Bashô vor der Abreise ein Haiku an den Türpfosten seiner Hütte heftete. Ernst geht also nochmals den Abhang hinauf und schreibt an die Tür von Ernsts Kastanienklause:

Der Frühling scheidet:
Die Vögel weinen – selbst den Fischen
kommen die Tränen.[9]

Wieder unten am Fluss biegt Ernst nach links ab und wandert auf dem Treidelpfad, der da und dort überschwemmt ist. Zuerst kann Ernst noch über die Pfützen springen, aber schon bald kommt Ernst nicht mehr weiter und es bleibt Ernst nichts anderes übrig, als zur immergrünen Hochebene hinaufzusteigen. Dort sieht Ernst im blauen Licht des Vollmonds die Datura quercifolia, die mit ihrem süssen und schweren Duft Ernsts Sinne betört. Ernst steht und schaut, denn so etwas hat Ernst noch nie gesehen und auch noch nie geatmet (Ernst denkt sogar für einen Augenblick an Doña Adicción und lässt den Duft des Nachtschattengewächses bis in die äussersten Spitzen von Ernsts Lungenflügel strömen), doch dann ruft Ernst: «Guarda e passa!»[10] und setzt Ernsts Wanderung fort.

Der Weg fällt jetzt immer mehr ab, bis er wieder zum Fluss kommt, wo er in den alten Zöllnerpfad mündet. Ernst getraut Ernst zuerst nicht hinüberzublicken, denn am anderen Ufer liegt das Jenseits. Ernst murmelt ah tà! und macht mit Ernsts Handy ein paar Aufnahmen.

 

 

Dann setzt Ernst Ernsts Weg fort. Ernst wandert, bis der Morgen graut.


[1] Episode 1

[2] Episode 31

[3] «Wenn es heisst, der Mond sei blau, so muss man’s glauben, ganz genau.» William Roy and Jerome Barlow (1528), Rede Me and Be Nott Wrothe. Lies mich und sei nicht wütend. Übersetzung Ernst. Ernst hat somit die Eremitage am 18. Mai 2019 oder am 31. Oktober 2020 verlassen.

[4] Episode 45

[5] Allein, in mich versenkt, durch ödes Land / die Schritte messend, geh ich langsam hin / und richte meinen fluchtbereiten Sinn / auf jede Fussspur, die mich schreckt im Sand. Francesco Petrarca, Canzoniere, Sonetto XXXV, Übersetzung Karlheinz Stierle

[6] Das entspricht dem Jahr 1689, Bashôs 45. Lebensjahr.

[7] Der Himmel des Landes Wu steht bildlich für entlegene unbekannte Gegenden.

[8] Matsuo Bashô, Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland, III. Der erste Wandertag – bis Sôka und II. Abschied und Aufbruch, aus dem Japanischen übertragen von G. S. Dombrady

[9] ebenda, II. Abschied und Aufbruch

[10] Schau und geh vorüber! Dante Alighieri, La Commedia, Die Göttliche Komödie, Inferno, III/51, Übersetzung Ernst