98 Was Ernst zu denken gibt.

halo ernst!

ich schätze dich als intelligenten und kritischen zeitgenossen, aber was du da mit diesem spuma block zusammenfaselst, das ist jenseits des gesunden menschenverstands, denn so viel ist doch klar: der spuma block schützt lediglich vor einem überfall, d.h. er ist einbruchsicher. was aber, wenn das, was drinnen ist, à tout prix ausbrechen will? mit anderen worten: ernst ist ein notorischer ausbrecher. was ernst braucht, sind zwei, drei gefängniswärter, die dafür sorgen, dass ernst nicht mehr zum ominösen closterschop schlendern kann. das ist wohl auch der grund, weshalb sich einsiedler so weit von der community entfernen: je weiter sie in der wüste sind, desto weniger können sie zu den irdischen versuchungen gelangen.

ich erinnere mich, wie mir ein drogenabhängiger sagte, dass er, um seiner sucht zu entfliehen, eine stelle als küchengehilfe auf einem ozeandampfer annahm. so war er von einem tag auf den andern clean, er hatte anscheinend nicht mal entzugserscheinungen, aber als er wieder zurückkam, schlenderte er wie von geisterhand gesteuert zu jener spelunke, wo der stoff angeboten wurde und zack! schon war er wieder der alte junkie.

ich hoffe, dass ich dir nicht unrecht tue, aber es geht mir langsam wie diesem rs mit den exceltabellen: jemand muss dir die wahrheit sagen und die tut bekanntlich weh.

tschüss & gruss!
me_at_night

ps
auf der suche nach einem passenden bild bin ich auf diego velázquez gestossen: «der heilige antonius abbas beim eremiten paulus». um ehrlich zu sein: die beiden männer mit ihren theatralischen gesten sind mir so ziemlich egal, was mich fasziniert, ist der rabe, der im sinkflug einen hamburger king size? bringt. und das führt mich zur frage: was habt ihr gegessen? worüber habt ihr gesprochen? habt ihr ausflüge gemacht? seid ihr schwimmen gegangen? wie war das wetter? immer nur glühend & heiss oder gab’s auch mal eine schattenspendende wolke?

 

 

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Werter Ernst

Die Offenheit von me_at_night gibt mir Mut, Folgendes vorzutragen:

Im Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon (das ja des öftern erwähnt worden ist) kommt im Kapitel «Was alles andere als beneidenswert ist» ein Geistbeschwörer vor, der mich an Ernst erinnert:

«Unser Geistbeschwörer hat es mit einem hartnäckigen Dämon zu tun. Alles wäre in bester Ordnung, wenn sich nur die gute Wirkung der Beschwörungen zeigen würde. Doch wenn es nun einmal nicht dazukommt, setzt er trotzdem unentwegt das Beten fort, nur um den Anwesenden nicht zum Spott zu dienen.»

Was ich sagen will: Es scheint mir, dass Ernst an ein Ende gekommen ist. Zum einen kommt das daher, dass sich das Thema des Essens erschöpft hat, zum andern dass sich im Wellness Journal ‹Dinge› abspielen, die auf einen Wandel hinweisen, denn es fällt auf, dass alte Bekannte, wie Madame Surchauffeur, Signorina Cardiopalmo oder Dr. phil. Fill schon lange nicht mehr vorgekommen sind. Ja, selbst Frater Felix und die robuste Doña Adicción sind von der Bildfläche verschwunden. Dafür ist Antonius in den Vordergrund gerückt und es kommen immer häufiger Filme vor. Es ist offensichtlich eine Mauserung im Gang, die, wenn mich nicht alles täuscht, auch Ernst noch nicht bemerkt hat. Aus dem braunen Gefieder des Kükens ist ein weisser Schwan geworden: Das ist das Ende. Oder doch nicht? Denn im Postskriptum erkundigt sich me_at_night nach den Gesprächen von Ernst und Toni. Das wäre doch was! Ernst schreibt eine neue Staffel mit dem Titel «Gedanken und Gespräche» oder «Wüstenabenteuer» oder … ja, warum nicht «Tuttifrutti»?

Werter Ernst, ich hoffe, dass Sie mir meine Offenheit nicht als Unverschämtheit übelnehmen und schicke Ihnen ein Bild vom flämischen Maler Caspar de Crayer (das nebenbei auch me_at_nights Vermutung vom King Size Hamburger bestätigt): «Die heiligen Eremiten Antonius Abbas und Paulus im Gespräch, ein Rabe bringt ihnen das Doppelbrot».

 

 

Ihr
Brian de Selby

 

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Lieber Ernst,

wieder einmal kann ich nicht schlafen und schlage „das Graskissenbuch“ von Natsume
Soseki auf:
„Wenn die Schwierigkeiten sich häufen, möchten wir in eine ruhigere Wirklichkeit
hinüberwechseln.
Irgendwann jedoch wird klar, daß das Leben überall schwer ist. Dann entsteht Poesie, wird Malerei
geboren.“
Und: „Wir können diesem qualvollen Sein also nicht entfliehen, sondern müssen es uns darin
bequem machen, so gut es geht, damit unser Leben erträglicher wird, und sei es nur für
einen
Augenblick, denn so kurz dauert es. Hierhin nun fällt die Berufung des Dichters, die naturgewollte
Aufgabe des Malers“…

mit nächtlichen und schon froheren Grüßen,
Nordlicht