129 Der Indizienbeweis.

Liebe Gná, liebe Móðguðr, lieber Ernst

Ihr habt uns gebeten, der Frage nachzugehen, ob Ernst ein Mensch sei. Nun ist es uns endlich gelungen, die Wohnung des Autors zu inspizieren. Auf dem Küchentisch lagen verschiedene Bücher und CDs, eine Teetasse stand neben dem Laptop und auf einer Schale mit Äpfeln und Nüssen steckten viele Zettel, wo der Autor Gedanken, Skizzen und Ideen notiert hat, die ihn offenbar schon seit längerem beschäftigen.

Was uns als erstes ins Auge sticht, ist eine Kopie der Lithographie «Drawing Hands» von M. C. Escher.

 

 

Das zweite Fundstück ist ein Zettel vom Dezember 2018, wo der Autor Folgendes notiert hat:

Das Wort ‹Hund› beisst nicht,
das Wort ‹Ernst› isst nicht,
das Wort ‹Orange› saftet nicht.

Gleich daneben liegt ein Gedichtband von Rose Ausländer, wo Ernst (wie das anscheinend seine Art ist) das lyrische Ich der Autorin durch ‹Ernst› ersetzt hat:

Wer ist Ernst

Wenn Ernst verzweifelt ist
schreibt Ernst Gedichte

Ist Ernst fröhlich
schreiben sich Gedichte in Ernst

Wer ist Ernst
wenn Ernst nicht
schreibt[1]

Im Weiteren finden wir eine Kunstkarte der Stiftsbibliothek St. Gallen, wo Papst Gregor der Grosse abgebildet ist, wie er mit der Taube auf der Schulter dem Schreiber einen Text diktiert:

 

 

Was uns ebenfalls wichtig scheint, ist in Blatt, wo die Namen folgender Zwerge notiert sind:

Nýi & Niði,
Norðri, Suðri,
Austri, Vestri,
Alþjófr, Dvalinn,
Nár, Náinn,
Nípingr, Dáinn,
Bifurr & Báfurr,
Bǫmborr, Nori,
Óri, Ónarr,
Óinn, Miǫðvitnir,
Vigr ok Ganndálfr,
Vinndálfi, Þorinn,
Fili, Kili,
Fundinn, Vali,
Þrór & Þróinn,
Þekkr, Litr, Vitr,
Nýr, Nýráðr,
Rekkr, Ráðswiðr.

Draupnir & Dólgþvari,
Haurr & Hugstari,
Hleðiólfr, Glóinn,
Dóri, Óri,
Dúfr, Andvari,
Heptifili,
Hár, Sviarr.

Skirvir, Virvir,
Skafiðr, Ái,
Álfr, Ingi,
Eikinskialdi,
Falr, Frosti,
Fiðr, Ginnarr.

Norðri, Suðri, Austri und Vestri sind mit gelb markiert und am Schluss der Liste ist von Hand die Frage angefügt: «But what about Moðsognir and Durinn, the oldest and mightiest of the dwarfs?»

Fazit: Der Autor befasst sich intensiv mit der Frage, wer wen erfindet. Vor allem die Lithographie «Drawing Hands» ist ein starkes Indiz, dass nicht nur der Autor uns zeichnet. Wir schreiben absichtlich ‹uns›, denn schliesslich seid nicht nur Ihr davon betroffen, sondern auch wir, Huginn und Muninn, ja, es steht die ganze Götterwelt auf dem Spiel. Aber auch das Gedicht von Rose Ausländer scheint uns von Bedeutung zu sein: «Wer schreibt wen?»

Liebe Gná, liebe Móðguðr, lieber Ernst, wir werden demnächst ein zweites Mal zum Autor fliegen, um weiteres Material zu sichten und dann ist es wohl an der Zeit, dass wir alle zu einem brain storming zusammenkommen. Wie wäre es, wenn Ihr zu uns kämet, um im kühlen Schatten des Yggdrasills der Frage nach unserer Existenz nachzugehen?

Herzlich
Huginn & Muninn

PS
Bitte beachtet, dass wir unsere Namen mit ‹nn› schreiben: Huginn & Muninn.


[1] Wer bin ich / Wenn ich verzweifelt bin / schreib ich Gedichte // Bin ich fröhlich / schreiben sich Gedichte in mich // Wer bin ich / wenn ich nicht / schreibe