132 Was Ernst zur Stunde des Mittags widerfährt.

Willst du wohl singen, o meine Seele?
Du liegst im Grase.
Aber das ist die heimliche feierliche Stunde,
wo kein Hirt seine Flöte bläst.[1]

 

Werther Freund

Um ehrlich zu sein: Nachdem ich Dir zu Deinem Niðafjöll-Film mit zwei E-Mails gratuliert habe und Du nicht reagiert hast, sagte ich, der kann mir den Buckel runterrutschen. Jetzt aber will ich es erneut versuchen, denn Deine beiden Animes sind Extraklasse: Poetisch, malerisch, das langsame Timing, die Überblendungen und die Farbwahl sind perfekt und das «… sofferte onde serene …» von Luigi Nono ist einmalig!

Vielen herzlichen Dank
Malgrétout

 

*

 

Lieber Ernst

Complimenti! Und dann sind da ja auch noch Suðri und Vestri, die sicher nicht zufrieden wären, wenn Du sie nicht auch noch mit einem Anime berücksichtigtest. Deshalb: Allez, Ernst!

Zara

 

*

 

Lieber Ernst,

habe eben noch einmal ganz genau geschaut und das Anime „Gras gab es nicht“
genossen und bewundert, das ist ganz, ganz fein gearbeitet und sehr
künstlerisch!!!
Es ist faszinierend und ein wenig unheimlich.
Die schöne Blume, unübersehbar, habe ich aber auch entdeckt,
nicht nur die Abgründe und unheimlichen Gestalten …

Mit herzlichen Grüßen auch an Austri,
Dein
Nordlicht

 

Mit diesen schönen Emails im Herzen schlendert Ernst zur Gjöller Aa und lässt Ernst in der Ernst inzwischen zur Gewohnheit gewordenen ‹Heimlichkeit der Gräser›[2] nieder. Am gegenüberliegenden Ufer sieht Ernst eine Platane, ‹deren Krone schon fast den Himmel berührt›[3] und Ernst an Sokrates erinnert, als er mit Phaidros über das Wesen der Kunst philosophierte. Gibt es Zikaden? Nein.[4] Eine grinsende Cheshire Cat?[5] Nein. Aber flussabwärts entdeckt Ernst eine Datura[6], die Engelstrompete, der Ernst zum ersten Mal mit Freunden in Le Thoronet und später in der hinreissenden Form der Doña Adicción begegnet ist.[7]

 

 

Ernst atmet den vanillesüssen Duft ein[8] und fällt – auch weil die Stunde des Mittags über Ernsts Glatze steht – augenblicks in einen tiefen Halbschlaf:

Still! still! … was geschieht Ernst doch? … wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht, federleicht: so – tanzt der Schlaf auf Ernst … kein Auge drückt er Ernst zu, die Seele lässt er Ernst wach. Leicht ist er, wahrlich! federleicht … er überredet Ernst, Ernst weiss nicht wie? er betupft Ernst inwendig mit schmeichelnder Hand, er zwingt Ernst … ja, er zwingt Ernst, dass sich Ernsts Seele ausstreckt … das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blick – wenig macht die Art des besten Glücks. Still! – und hier dehnte Ernst Ernst und fühlte, dass Ernst schlafe.[9]

In Ernsts Kunstkabinett sieht Ernst eigenthümliche Bilder, die Ernst an Ernsts Traum vom Murmeltier erinnern.[10] Ernst färbt sie in ein helles Maulwurfgrau, das Ernst mit einem compacten Russschwarz überlagert (die Farbe der Halbstiefel der Zwerge). Ernst nennt das Anime «Ratatoskr» und widmet es dem Zwerg Suðri alias Soot.[11]

 

 


[1] Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Mittags

[2] ebenda

[3] Vertice coelum attingere honesta hyperbole cecinit. João Rodrigues de Sá de Meneses, Liber de platano, Hg. Roger Friedlein und Angelika Lozar, p. 84 (Martial, Epigrammata 9/61/10)

[4] Hier täuscht Ernst Ernst, denn Ernsts Ohren sind nicht mehr fähig, die hochfrequentigen Töne wahrzunehmen. Ernst sitzt also inmitten des zirpenden Lärms der Gjöller Singzikaden.

[5] Episode 72

[6] Ernst ist stolz, in der Nähe einer so geschichtsträchtigen Pflanze zu sitzen. Sie wird schon im Sanskrit-Text «Sushruta» als ‹dhattūra› erwähnt und ist somit seit über 2’000 Jahre bekannt.

[7] Episode 31: Da schreit Dr. phil. Fill: «Ist Ernst noch bei Trost? Doña Adicción ist ein Nachtschattengewächs! eine Schutthaldenbewohnerin, ein Ackerunkraut, ein Stechapfel mit weissen Trompetenblüten! Ernst schreibe das Ernst hinter Ernsts Ohren!»

[8] Forum Parfumo-Community, Frage von Theassisi: «Kennt jemand den betörenden Duft der Engelstrompeten-Blüten, wenn sie abends anfangen zu duften? Weiß jemand, ob es ein Parfum gibt, der so riecht? Auf Anhieb würde ich sagen, es ist eine Mischung aus Vanille und Zitrone, aber da ist noch viel mehr. Der Duft macht mich an Sommerabenden ganz gaga und ich komme nicht aus der Ecke, in der die Engelstrompeten stehen.» Antwort von Terra: «Es gilt ja das Gerücht, wer unter Engelstrompeten schläft, wird verrückt. Es sind eben halluzinogene, giftige Nachtschattengewächse. Daher wird man die besonders potenten Blüten nicht so ohne weiteres in die Destille schmeißen und ins Parfum packen können.» https://www.parfumo.de/forum/viewtopic.php?t=75985

[9] Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Mittags

[10] Episode 92

[11] engl. soot = Russ