127 Wenn kein Mensch, was dann?

Meine liebe Freundin Gná,

Ernst hat mich in erhebliche Verwirrung gebracht: Ist er ein Mensch?
Lebt er nur noch im „Zwischenreich“?
Wäre es ihm zuträglich, ihm zuzutragen, nicht nur über
einen Ortswechsel, sondern eine Variante oder Ergänzung
seines Namens nachzudenken.

Mit herzlichem Gruß,
Deine
N

PS als Zeichen Deiner Frauenfreundschaft könntest Du bei Gelegenheit, es eilt nicht,
verraten, wie Du Deine Haare pflegst, (immer zum Zopf geflochten und dann wirbelt das so durch
die Luft … wie behalten die Haare ihren Glanz? Öffnest Du Dein Haar heimlich???)

Móðguðr: Das habe ich mich auch schon gefragt: Was machst Du, dass Dein Haar so seidig und geschmeidigschön glänzt. Ich nahm mal für zwei Wochen Hirsana Goldhirsenölkapseln, aber das half nicht wirklich. Dann versuchte ich es mit Bye-Bye-Spliss, auch das ohne Erfolg. Fakt ist: Das ständige Glätten und Föhnen setzt meinem Haar zu und lässt es schon nach wenigen Tagen fahl und matt aussehen.

Gná: Ich brause mein Haar mit Lauretana-Mineralwasser.

Móðguðr: Mit was?

Gná: Leitungswasser ist oft zu kalkhaltig. Der Kalk setzt sich auch in den Haaren fest und macht es stumpf und glanzlos. Für mehr Glanz musst Du Dein Haar nach der Dusche mit Mineralwasser abspülen.

Móðguðr: Aha!

Gná: Und was machst Du nach dem Duschen?

Móðguðr: Na, was wohl? Ich rubbele mir die Haare trocken.

Gná: Keine gute Idee. Durch die Reibung wird die Schuppenschicht wieder geöffnet und die Haare sehen spröde und glanzlos aus. Du musst Deine Haare mit dem Handtuch abtupfen oder trocken kneten. Am besten verwendest Du dazu ein Handtuch aus Microfasern. Es saugt bis zu zwei Mal so viel Feuchtigkeit aus dem Haar und ist gleichzeitig schonender. Die grobe Struktur eines normalen Baumwoll-Handtuchs raut die Haarstruktur auf.

Móðguðr: Wow! Das nenn’ ich professionell!

Gná: Übrigens ist auch das Kämmen direkt nach dem Haarewaschen keine gute Idee. Das Haar ist im nassen Zustand elastisch und dadurch extrem empfindlich und nimmt schnell Schaden. Wenn Du Dein Haar trotzdem sofort entwirren möchtest, rate ich Dir zu einem grobzinkigen Kamm oder einer Detangling Bürste, wobei Du darauf achten musst, dass Du Dich ganz vorsichtig vom Ansatz bis zu den Spitzen vorarbeitest.

Ernst: [streicht sich über die Glatze] Und merke: Tolles, glänzendes Haar beginnt schon bei der Ernährung. Haarwurzeln brauchen nämlich besonders viele Nährstoffe, da sich hier die Zellen aktiv teilen. Wichtige Bausteine für gesunde Haare sind alle Vitamine des B-Komplexes, Zink und Eisen.

Móðguðr: Darling! Mydarlingmine! Ich wusste gar nicht –

Ernst: [fährt liebevoll über Móðguðrs stumpfes Haar] Gná, darf ich Dich bitten, die Email zu verdanken … und schreibe doch auch noch, dass ich bei Móðguðr bleibe und meinen Namen beibehalte.

Móðguðr: [küsst Ernst auf die Glatze] Nicht böse sein, Sweetlist! Schliesslich kannst Du nichts dafür, dass Du diese Haarsorgen nicht kennst.

Gná: Vererbung?

Ernst: Und was machen wir mit der anderen Frage von Nordlicht?

Móðguðr: Welche Frage meinst Du?

Ernst: Nordlicht schreibt, dass wir sie in erhebliche Verwirrung gebracht haben. «Ist Ernst ein Mensch?» That’s the question, darling!

Móðguðr: Das ist schnell beantwortet: Du bist kein Mensch, weil Du nur im Internet vorkommst.

Gná: Bei einem Stromausfall existierst Du so lange, wie die Batterie läuft, danach ist Schluss.

Móðguðr: Appenzeller-Biberli, Kastanienklause, Deine Filme – mag sein, dass da noch ein paar Leute davon sprechen werden, aber bald ist auch diese Erinnerung gelöscht.

Ernst: Dann gibt es also auch keine eifersüchtig fluchende Riesin? keine Botin, die mit Hofvarpnir einen Looping dreht? keinen Þjazi, der sich mit seinem Katerpiller ins Rocklabor gräbt?

Móðguðr: Gná und ich sind zwei goldlockige Schimären und Du, Ernst, bist unser fantasmagorischer Megafaun.

Gná, Móðguðr, Ernst: Hahaha!

Gná: Lang lebe die funkensprühende Fantasie!

Móðguðr: Wo Irrlichter flackern im Moor –

Gná:

Nacht. Offen Feld.
Gná & Móðguðr auf schwarzen Pferden daherbrausend.

Móðguðr: Was weben die dort um den Rabenstein?
Gná: Weis nicht was sie kochen und schaffen.
Móðguðr: Schweben auf und ab. Neigen sich beugen sich.
Gná: Eine Hexenzunft!
Móðguðr: Sie streuen und weihen!
Gná: Vorbey! Vorbey![1]

Ernst: [klatscht in die Hände] Brava! bravissima!

Móðguðr: Mir gefällt das Ypsilon: Vorbey! Vorbey! Es gibt der Szene etwas Schräges und mit der Wiederholung auch etwas Geschwindes. Findet Ihr nicht auch?

Ernst: Donnerwetter! Wie habt Ihr das nur so parat gehabt? Das berüchtigte Hexenduo von Gjallarbrú, wo es spukt und brodelt und die Kreuz und Queer irrlichtelirt.[2] Übrigens, habt Ihr schon etwas von einer Selbstentzündung gehört?

Gná & Móðguðr: Nein.

Ernst: Wenn zum Beispiel frischgeschnittenes Gras falsch gelagert wird, kann es spontan brennen. Es wäre doch denkbar, dass wir uns selbst entzünden und so zum Leben kommen?

Gná: Um zum Leben zu kommen, braucht es mehr als eine falsche Lagerung. Aber vielleicht sind wir so etwas wie eine zündende Idee.

Móðguðr: Das ist mir zu hochgestochen. Fakt ist, dass wir von Menschen erfunden wurden und von ihnen abhängig sind. Und das gilt auch für Dich, Ernst. Was wir bräuchten, wäre jemanden, der in die Gedanken jenes Menschen eindringen kann, der Ernsts Journal schreibt. So könnten wir herausfinden, ob wir nur Sprechblasen sind oder ob wir ihn auch beeinflussen können, so dass er Dinge schreibt, die ihm völlig fremd sind, Dinge, die nie und nimmer auf seinem Mist gewachsen sein können, sondern von uns stammen, von Gná und von Ernst und von mir, der Móðguðr.

Gná: Wie wär’s mit Hugin & Munin?[3] Sie könnten, wenn dieser ‹Mensch› uns erfindet, seine Gedanken ergründen, sie könnten sich heimlich auf die Stuhllehne setzen oder auf die Schultern, von wo sie seinem Denken am nächsten sind.[4]

Móðguðr: Und wenn ihm die Raben versehentlich auf die Glatze scheissen?

Gná: Móðguðr, ich bitte Dich, Hugin & Munin sind Profis!

Ernst: Und sie können tatsächlich Gedanken lesen?

Gná: Aber sicher! ‹Hugin› heisst ‹Gedanke›, ‹Sinn› und ‹Seele›. Hugin ist die Kapazität, wenn es darum geht, Kenntnis einzuholen von Dingen, die uns verborgen sind.

Ernst: Und Munin?

Gná: Er ist ebenfalls der ‹Denkende›, was ihn jedoch besonders auszeichnet, ist, dass er sich an jedes Detail erinnern kann.

Ernst: Gedanke und Gedächtnis – das kommt ja wie gerufen!

Móðguðr: Ach, du mein lieber Mondieu, wenn das nur gut herauskommt!


[1] Johann Wolfgang Goethe, Urfaust (Faust, Mephistopheles) 1436-1441

[2] Mephistopheles zum Studenten: Dass er bedächtger so fort an / Hinschleiche die Gedancken Bahn. / Und nicht etwa die Kreuz und Queer / Irrlichtelire den Weeg daher; ebenda, 345-348

[3] Episode 111

[4] Was Gná hier der Einfachheit halber? nicht erwähnt, ist, dass Hugin & Munin auf die Legende der Taube verweisen, die auf den Schultern des Papstes sitzt und ihm alles zuflüstert, was er wagen oder unternehmen solle. Der germanische Óðinn ist jedoch – im Unterschied zum Papst – kein Befehlsempfänger d. h. er erhält durch die Raben Informationen, aufgrund derer er allwissend ist.