126 Das Jagdfrühstück.

Sehr verehrte Frau Gná,

haben Sie herzlichst Dank, daß Sie von unserem verschollen geglaubten
Freund Ernst so en Detail berichten.
Allerdings ist unsere Sorge nun dadurch nur größer, ist uns doch
bekannt, daß es die Riesin nicht bei grünem Tee, und sei er noch
so teuer, und Küssen auf Ernst`s Glatze belassen wird.
Was ist, wenn sie den Met hervorzaubert, Ernst damit berauscht,
ihm so etwas wie Manna oder Ambrosia in germanisierter Form serviert?
Und dann dieses bei den erwähnten „Standesunterschieden“, man bedenke
den täglichen „Sollwert“ an Kalorien bei einer Riesin!
Unvorstellbar, was Ernst droht!
In meiner Phantasie sehe ich Ernst fürstlich tafeln.

Ihr
Nordlicht

Móðguðr: [küsst Ernst auf die Glatze] Wie wär’s, wenn wir Nordlicht und Latschulla zu einem Bruntsch nach Gjallarbrú einladen würden? Da könnten die beiden Menschenfrauen ihren Sollwert an Kalorien mal ordentlich aufstocken!

Ernst: Womit wir wieder bei unserem Thema wären?

Móðguðr: Bei welchem Thema?

Ernst: Ob ich ein Mensch bin?

Gná: Als ich die Emails durchgesehen habe, bin ich auch noch auf ein opulentes Jagdfrühstück gestossen.

Lieber Ernst,

da Du so oder so demnächst unterwegs sein wirst, bietet sich ein Jagdfrühstück an.

Das Jagdfrühstück wird von den Herren um die Mittagszeit meistens im Freien und zwar einfach aus der Hand verzehrt, um nicht lange dadurch aufgehalten zu werden, sondern bald wieder ins Waidwerk zu kommen, weshalb auch selten Bestecke und Servietten mit hinausgeschickt werden. Da nach Behauptung der Jäger durch Zeitverlust eine ganze Jagd verdorben werden kann, so würde es eine Hauptsache sein müssen, das Frühstück zur bestimmten Zeit zu besorgen. Dasselbe besteht zunächst aus Butterbrot, am besten Bierpfennigsbrötchen, doch ist auch Sauerbrot besonders beliebt. Ins Butterbrot legt man Fleisch verschiedener Art, als: Kalbsbraten, Schinken; sehr beliebt sind auch Röllchen aus Schweinefleisch, Wurst, auch Käse. Die benannten Beilagen kann man auch, zierlich aufgeschnitten, auf Tellern hinausschicken. Man rechnet auf jeden Herrn vier Butterbrote. Daneben gibt man gewöhnlich eine kalte Pastete. In einigen Gegenden z. B. am Niederrhein sind auch Äpfel und Eier (nicht zu hart gekocht) sehr beliebt. Bei Anordnung des Frühstücks ist Rücksicht darauf zu nehmen, ob ein Diener folgt, wo alsdann das Frühstück einfacher sein kann; folgt aber kein Diener, so muß dasselbe reichlicher sein. Am Niederrhein wird ein Jagdfrühstück arrangiert wie folgt: Butterbrot mit Kalbsbraten, westfälischem Schinken, Gänseleberwurst und Schweizerkäse, Hasenpastete, Zwiebackstorte (äußerst beliebt bei den Herren) Äpfeln, Glühwein und Weinpunsch.[1]

oder sagst Du schon mit Schiller:

„Was tun?“ spricht Zeus, „die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben –
So oft du kommst, er soll dir offen sein.“[2]

Lebst Du schon im Himmel?

Mit einem windgrauen Novembergruß
Nordlicht

Móðguðr: Gná! Das ist der Bruntsch aller Bruntsche! Schick doch den beiden Damen eine Einladung! Frag, wann es ihnen passt und so weiter. Das einzige, was mich stört, ist, dass das Essen offenbar als Zeitverlust verstanden wird und eine ganze Jagd verderben kann. Was sind das für Leute, die sich nicht genug Zeit zum Essen und Trinken nehmen? Oder was meinst Du, Darlingernst?

Ernst: Ihr habt mir Euer Ehrenwort gegeben, heute über mein Menschsein zu sprechen.

Móðguðr: Wir sagten ‹Morgen ist auch noch ein Tag›. Und wenn ich daran denke, wie lange es gedauert hat, bis Du Dich bequemt hast, die Emails zu beantworten, mit all den Ohnmachten und Ausflüchten, den Wippchen und Flausen, so finde ich, dass wir ruhig noch etwas zuwarten können.

Gná: Bin ich eigentlich auch zum Brunch eingeladen?

Móðguðr: Aber sicher! Du bist doch unsere hochgeschätzte Ehrengästin!

Ernst: Wie wär’s, wenn wir auch Skaði und Þjazi eine Einladung schickten?

Móðguðr: Weisst Du, was Du da sagst, Darlingmine?

Ernst: Warum? Das sind doch Deine Verwandten?

Móðguðr: Ja, ja, aber da reichen ein paar zierlich aufgeschnittene Röllchen aus Schweinefleisch nicht aus. Auf jeden Herrn vier Butterbrote mit etwas Schweizerkäse? Dass ich nicht lache! Und Glühwein und Weinpunsch heissen bei uns Bjórr ­– Bier – und zwar fassweise! Die Lavawüstenwale[3] leben in anderen Dimensionen:

Moðir tischte volle Schüsseln auf mit Silber gefertigt,
Speck und Fleisch und gebratne Vögel;
Wein war in der Kanne, die Kelche kostbar überzogen;
sie tranken und redeten …

Da war der Abend schnell gekommen,
und vor die Riesen das Bier herbeigebracht;
Thor ass einen Ochsen und acht Lachse,
alle Leckerbissen, die wir Frauen haben sollten,
Sifs Mann trank allein drei Fässer Bier.[4]


[1] Henriette Davidis, Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche, mit besonderer Berücksichtigung der Anfängerinnen und angehenden Hausfrauen. Nach dem Tode der Verfasserin fortgeführt von Luise Rosendorf, 27. Auflage von 1885; s. auch Episode 43, wo Nordlicht dieses Kochbuch (das damals noch im Keller in einem Karton verpackt war) im Zusammenhang eines Herrenfrühstücks erwähnt.

[2] Friedrich Schiller, Die Teilung der Erde

[3] Umschreibung der Riesen, s. Die Götterlieder der Älteren Edda, Das Hymirlied (36), übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Arnulf Krause

[4] Das Merkgedicht von Rig (30) und das Das Thrymlied (24), ebenda