125 Niðafjöll.

Móðguðr: Gut, dass die Fotos so sachte-sachte ineinandergleiten, denn das Wichtigste sind jene Bilder, die durch die Überlagerung entstehen. Wenn ich dem Film einen Namen geben müsste, würde ich ihn «langsamst» nennen.

Ernst: Und der Grauton?

Móðguðr: Das gibt dem Ganzen etwas Fernes, etwas … wie hat Nordlicht gesagt?

Ernst: Nordlicht?

Móðguðr: Ja, in ihrer Email, da schrieb sie doch etwas von einer ‹mythischen Eisgegend›.

Wäre es möglich, einige Daten aus dieser fernsten Gegend zu liefern? oder hat sich Ernst bereits ausserhalb unserer Erfahrung bewegt?[1]

Ernst: [vor sich hinmurmelnd]

What if there is always something that lies outside knowledge, outside order?
What if the irrational return?[2]

Móðguðr: Was hast Du gesagt, Lieblingmine?

Ernst: Die Idee, dass ich mich mit der Niðafjöll-Expedition auf etwas eingelassen habe, das im Ausserhalb liegt, fasziniert mich.

Móðguðr: Ich muss schon sagen, wie Du mir nichts, dir nichts in dieser Riesengebirgslandschaft und in der Nähe der schaurigschönen Lütschine[3] herumgewandert bist, das hat mich schon beeindruckt und wenn dann noch Niðhöggr –

Ernst: Ich bitte Dich, Darling, lass Niðhöggr aus dem Spiel, ja?

Móðguðr: Nicht böse sein, Sweetley, war nicht so gemeint. Ich weiss, Du bist dramatisiert.[4]

Ernst: Bist Du Dir sicher, dass es nicht langweilig ist?

Móðguðr: Das hängt davon ab, ob man hektisch lebt und das Hektische liebt oder ob man gewillt ist, sich auf etwas einzulassen und zwar afonperdu. Oder wie sagt man, Darlingmine?

Ernst: À fonds?[5]

Móðguðr: Mh. Aber dann sind da ja auch noch die Gemälde!

Ernst: Das Gemalte ist farbig und die Fotos sind schwarzweiss.

Móðguðr: Hast Du das extra so gemacht? Die Kunst ist farbig und die Realität schwarzweiss? Das ist wahr und elegant. Oder wie würdest Du das bezeichnen, Sweetlist?[6]

Ernst: Was mir vorschwebte, war etwas, das ‹schön und erhaben› ist.[7]

Móðguðr: Nur schade, dass niemand merkt, wie Du die Fotos zugeschnitten und bearbeitet hast. Aber wo nur bleibt Gná? Sagten wir nicht, dass sie zur Zeit des sinkenden Gefühls[8] hier sein soll?

Gná: Da bin ich!

Móðguðr: Ernst, bist Du bereit?

Ernst: [installiert den Beamer, der jetzt auf die nördliche Höhlenwand strahlt] Es kann losgehen!

Móðguðr: Magst Du Taiping? ein köstlicher Grüntee aus den Huang Shan-Bergen in der Provinz Anhui.

Gná: Taiping Hou Kui? Oh ja! Gerne!

Móðguðr: Und hier habe ich noch ein paar Tacos al pastor mit Koriander und frischer Ananas. Oder magst Du mexikanische Süsskartoffeln mit Bananen? Ich habe sie im Holzofen gebacken und mit Kondensmilch beträufelt. Sie sind lecker, nicht wahr Ernst? [zeigt auf den Tee] Oder möchtest Du lieber Agua de Sandía? oder ein Victoria-Bier? Wir haben auch Mezcal.[9] Ernst, Corazón mío, hol doch –

Gná: Danke, danke! Vielleicht nach dem Film! Für den Moment ist alles perfekt.

Ernst: Dann kann’s losgehen?

Móðguðr: Vamos, Ernst!

 

 

Gná: [klatscht in die Hände] Schade, dass Hofvarpnir kein Mensch ist, sonst könnte er jetzt mit mir applaudieren! Das war grossartig! Vielen, herzlichen Dank!

Ernst: À propos ‹Mensch›: Ihr wolltet mir doch erklären, weshalb ich kein Mensch bin, nicht wahr?

Gná: Ich bin noch so voll vom Geschauten, dass ich das lieber auf ein anderes Mal verschieben möchte. Oder was meinst Du, Móðguðr?

Móðguðr: Mir geht es ebenso. Morgen ist auch noch ein Tag.

Ernst: Aber dann gilt’s ernst?

Móðguðr & Gná: Versprochen.


[1] Episode 123

[2] William Butler Yeats, The Resurrection

[3] Móðguðr bezieht sich auf Caspar David Friedrichs Gemälde «Riesengebirgslandschaft mit aufsteigendem Nebel» und auf «Die schwarze Lütschine» von Caspar Wolf.

[4] Ernst überlegt, ob er Móðguðr korrigieren soll, doch er lässt es bleiben, denn er befürchtet, dass aus dem Drachendrama ein Drachentrauma werden könnte.

[5] Auch hier zögert Ernst, denn Móðguðr ist die Hüterin von Gjallarbrú und nicht die Expertin von Fremdwörtern. Aber vielleicht braucht es bei der Kunst gerade das: Dass man sich à fonds perdu – ohne Aussicht auf Gegenleistung oder Rückerstattung – einlässt.

[6] Und wieder weiss Ernst nicht, was er von Móðguðrs Bemerkung halten soll. Hat sie wirklich so viel Kunstverständnis oder schwatzt sie einfach drauflos? Auch die Kombination von ‹wahr und elegant› irritiert Ernst. Sie erinnert an die umstrittene Frage, ob z. B. mathematische Formeln nicht nur wahr, sondern auch schön sein sollten. Und weshalb sagt Móðguðr gerade hier ‹Sweetlist›? Gebraucht sie den Superlativ von ‹sweetly› oder macht sie eine hinterlistige Kombination von ‹sweet› und ‹list›? Ist es möglich, dass Ernst Móðguðr unterschätzt?

[7] Edmund Burke, A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful 

[8] Episode 17

[9] Episode 124