124 Ist Ernst ein Mensch?

Gná: Ist die Diashow über das Niðafjöll-Gebirge schon fertig?

Móðguðr: Noch zwei, drei kleine Retuschen, dann sind wir soweit. Und die Emails? [scheinheilige Pause] Sind noch weitere eingetroffen?

Gná: Nein, bis jetzt nicht.

Móðguðr: Und die alten? alle aufgearbeitet?

Ernst: Noch nicht ganz.

Móðguðr: [bedrohliche Pause] Und die Email von dieser Latschulla?

Ernst: Die ist noch unbeantwortet.

Gná: Soll ich sie Dir mal vorlesen?

Móðguðr: Hast Du sie hier?

Ernst: Gná weiss alle auswendig.

Móðguðr: Die perfekte Botin?

Ernst: Ich habe es zuerst auch nicht geglaubt, aber gestern, nachdem ich ihr die Email an La Chulia diktiert –

Móðguðr: Hast Du nicht eben gesagt, dass diese Email noch unbeantwortet sei?

Ernst: Ja! Warum?

Móðguðr: Weshalb also sagst Du, «nachdem ich ihr die Email an Lachulia diktiert hatte»?

Ernst: Das habe ich doch gar nicht gesagt!

Gná: Du hast Dich versprochen, Ernst. Du wolltest sagen, «nachdem ich ihr die Email an Nordlicht diktiert hatte».

Móðguðr: Darf man fragen, was hier eigentlich gespielt wird?

Ernst: Es wird hier gar nichts gespielt. Ich habe mich anscheinend versprochen, eine kleine, unbedeutende Fehlleistung, e basta!

Gná: Wenn die Herrschaften nichts dagegen haben, trage ich jetzt die Email vor?

Móðguðr: [halblaut] Meinetwegen.

Gná:

lieber ernst
wie du vielleicht weisst, bin ich grad mit don john in mexiko. es ist prächtig hier, wir lassen uns von der sonne den bauch kraulen, lesen tausende seiten auster, murakami und krohn und vergessen auf dem segelschiff wer wir sind. don john und ich schlemmen auch gehörig – wie es sich im land, dessen küche als UNESCO-weltkulturerbe ernannt wurde, schliesslich gehört. zwei, zunächst gegensätzlich erscheinende phänomene sind uns aufgefallen:

1. mexiko trägt nicht ohne grund den titel der nation der dicksten menschen der welt: täglich staunen wir ob den sich unter den farbigen shirts der landsleute wölbenden wampen. fette leute überall.

2. wir lassen uns auf kulinarischer ebene nichts entgehen, nicht die köstlichen tacos al pastor mit koriander und ananas über die gasse, keine mole poblano, das uralte aztekische rezept bestehend aus über 80 zutaten, darunter kakao, mandeln und chile, keine einzige quesadilla – zugeklappte und erwärmte maistortillas mit käse und wahlweise braunen bohnen, pilzen oder kürbisblüten darin – zum frühstück, kein salat mit camarones und jicama, dem weissen saftigen gemüse, keine chilaquiles, dem besten katerrezept der erde, keine sopa negra – bohnensuppe mit avocado und chile, nicht die scharfen mangosüssigkeiten auf dem markt, keine im holzofen gekochten und mit kondensmilch beträufelten süsskartoffeln und bananen, kein agua de sandía (wassermelonensaft), limón oder tamarindo, kein victoria-bier und erst recht keinen mezcal.

Móðguðr: Geht das noch lange so weiter?

Ernst: Schade, dass Mexiko so weit weg ist.

Móðguðr: Sehr schade, ja. Aber vielleicht gibt sie im Clostershop mal einen Kochkurs – ‹Kreatives Kuisinieren à la Chulia› – oder sie veröffentlicht in ihrem Food Blog Rezepte mit nachhaltigen, gesunden und regionalen Zutaten oder … ja! Warum laden wir sie nicht zu uns nach Gjallarbrú ein, damit sie uns während der Rhabarber-Saison zeigt, wie man Rhabarber säubert, schält, in Würfel schneidet und einfriert, so dass wir für Gná auch im Winter ein Rhabarber-Tiramisù auf den Tisch zaubern können?

Ernst: Móðguðr!

Móðguðr: Tacos al pastor, mole poblano, camarones, jicama, chilaquiles, sopa negra – y el ruibarbo? Ay caramba! No te gusta el ruibarbo, corazón mío?

Ernst: Enough now!

Móðguðr: Du brauchst Dich nicht zu verstellen, Ernst, I can English understand. [vor sich hinmurmelnd] Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.

Gná: Ich fahre weiter, ja?

Ernst: Nur zu!

Gná: La Chulia kommt noch einmal auf die feinen Maisfladen zu sprechen, die sie mit ihrem Freund, Don John, geniesst. Dann fragt sie sich, ob die Mexikanerinnen vielleicht über ein Schlemmergeheimis verfügen, das jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Und im letzten Abschnitt schreibt sie:

und hier wären wir bei dir, lieber ernst: es stellt sich mir nämlich die frage, ob die ära des wellness journals im haus der kahlen sängerin tatsächlich zu ende ist? keine dokumentation des aktuellen naschverhaltens? keine (versteckten) gänge in einen (neuen) clostershop? und wovon ernährt sich eigentlich gná?

Móðguðr: Und die Schlussformel?

Gná: «Abrazos, la Chulia»

Móðguðr: [vor sich hinmurmelnd] Abrazos! Na warte Bürschchen! [laut] Und was ich esse, das interessiert anscheinend nicht die Bohne!

Ernst: Darlingst! Die Email stammt vom November des letzten Jahrs: die Zeit der Funkstille. Hätte sie gewusst, dass ich hier bin, hätte sie sich bestimmt auch nach Dir erkundigt.

Gná: Aber warum fragt sie, ‹wovon ernährt sich eigentlich Gná?›

Ernst: Das ist doch sonnenklar. Du bist kein Mensch, also isst Du keinen Rhabarberkuchen, keine Appenzeller-Biberli und trinkst auch kein Agua de sandía.

Gná: Und Du?

Ernst: Ich?

Gná: Bist Du ein Mensch?

Ernst: Gná, ich bitte Dich!

Móðguðr: Gná hat Recht.

Ernst: Wenn kein Mensch, was dann?

Justgenauda wiehert Hofvarpnir. Gná pustet Móðguðr und Ernst eine Kusshand zu und ruft: «A presto!» Sie sehen, wie sie über der Nebelbank noch einen Looping dreht, ihre Zöpfe fliegen hin und her, dann ist sie ausser Sichtweite.