123 Wie Nordlicht die Expedition zum Niðafjöll-Gebirge vorausgeahnt hat.

Gná: Ist das nicht seltsam?

Ernst: Was?

Gná: Du sagtest doch, dass Du mit Móðguðr bei Þjazi und Skaði in Þrymheimr warst, nicht wahr?[1]

Ernst: Das ist richtig. Warum fragst Du?

Gná: Und Ihr seid zum Niðafjöll-Gebirge gegangen, um Niðhöggr zu filmen?

Ernst: Halt, halt, das stimmt nicht. Wir machten eine Fotosafari, dem Drachen jedoch sind wir nicht begegnet. Wir sahen in dieser unwirtlichen Eisgegend nur eigenartige Spuren, die sich am Horizont allmählich auflösten – weiss in weiss in weiss – und wie Þjazi und Skaði mit ihren Schneeschuhen eine Anhöhe hinaufgingen, sagte ich zu mir: «Ernst, das ist tolldreist!» Doch dann rief ich: «Jetzt kannst Du es beweisen, Ernst! Das ist das ultimative Abenteuer! Forza, Ernst! Avanti!» Und so schritt ich kühn & wacker voran.

Gná: Im 2:3-Rhythmus?

Ernst: Du erinnerst Dich?[2]

Gná: Der keuchende Ernst!

Ernst: Seit mich Móðguðr zum täglichen Spaziergang anhält, ist es besser geworden.

Gná: Beim Aufarbeiten der Emails habe ich von Nordlicht eine Email vom 10. Dezember 2018 gelesen. Sie flattiert Dir da übrigens mit dem Titel ‹Graf Ernst Ymir v. B. zu Niflheim und Muspellsheim›.

Ernst: Yimir? der Urzeitriese?

Gná: Mh. So verbindet sie Dich mit dem Ursprung der Welt – ein Adel ohnegleichen!

Ernst: Und die Email? Hast Du sie ausgedruckt?

Gná: Nein, warum?

Ernst: Damit ich sie lesen kann!

Gná: Als Botin lerne ich immer alles auswendig.

Ernst: Tatsächlich?

Gná: Nordlicht schreibt:

10. Dezember 2018

Sehr geehrter Graf Ernst Ymir v. B. zu Niflheim und Muspellsheim,

entschuldigen Sie, daß ich Sie erneut unterschätzt habe.
Möglicherweise besuchen Sie gerade die Urquelle Hvgelmir und auch
Muspellsheim, wo ja irgendwie der Riese Ymir!
(mit welchem Sie gar verwandt sein sollen)
entstanden ist.

Ernst: Dacht’ ich’s mir doch! Nordlicht sagt lediglich ‹verwandt sein sollen›. Aber diese Urquelle ¬– wie sagtest Du?

Gná: Hvergelmir?

Ernst: Was meinst Du, könnten wir da mal hinfliegen?

Gná: Die Quelle liegt unter dem Weltenbaum Yggdrasil.

Ernst: Umso besser!

Gná: [lächelt, flüstert – faucht?] Und ebenda wohnt auch dein Freund, der ‹hasserfüllt schlagende› Niðhöggr.

Kaum hat Gná den ominösen Namen des Drachen ausgesprochen, sieht Ernst, wie Ernst in der Klosterbibliothek sitzt. Doña Adicción fährt in ihrer pflaumenblauen Luxuskarosse vor und faucht im Katastrophenunterton: «Wann hat denn unser Corazón das letzte Mal etwas Währschaftes gegessen?» Ernst senkt Ernsts Augen und murmelt: «Es tut Ernst leid.» Doña Adicción streicht mit ihren Fingerkuppen über Ernsts Glatze und sagt: «Brav, brav, braver Ernst!» Und um ihren Zögling aufzuheitern, öffnet die Signoruzza ihre Bonbonniere und offeriert Ernst 1 Magnum Wollust. Ernst bewundert ihr Korallenkolljeh und ihre zaubrische Taille de guêpe und schleckert stillvernügt am pinkfarbenen Schokoüberzug. Da zischt’s und das Spukweib ist verschwunden. Doch Ernst spürt, wie sie Ernst noch in Ernsts Ohren liegt. Ernst hört gebannt zu, bewegt Ernst aber nicht. Dann sieht Ernst, wie sie ins Flugzeug steigt. Sie geht zum Captain, nimmt aus ihrer Chanel Vitalumière Loose Powderpuderbox den Minikabukipinsel und lehnt sich aus dem vom Abendrot hell erleuchteten Cockpit und winkt und winkt und grinst dazu wie die weltberühmte Cheshire Cat.

Und just da kommt der Lindwurm hervor, dieser irre, dieser schreckliche und böse Gast, kommt ein zweites Mal hervor, faucht rotgefärbte Flammen vor sich her, feindlich, feindlich, voller Hass auf die verhassten Menschen und verbrennt Ernsts Schild mit seinen Feuerwellen bis zum Rand.[3]

Als Ernst Ernst erneut über den Text beugt, hört Ernst, wie ein Fenster aufspringt. Ernst dreht Ernst um – zu spät! Der Drache hat Ernst aufgespürt und bläst Ernst aus den Nüstern seine Flammen entgegen. Noch gelingt es Ernst, Ernsts Arm vor Ernsts Augen zu halten, doch dann stürzt Ernst von Ernsts Stuhl und verliert Ernsts Besinnung.[4]

Ernst [vor sich hinmurmelnd] Und wie ein Toter hinfällt, fällt auch Ernst.[5]

Gná: Ernst! Was ist? Ist Dir nicht gut?

Ernst: Doch, doch! [atmet tief durch] Und? wie geht die Email weiter?

Gná:

Hoffentlich ist es Ihrer Durchlaucht nicht zu unangenehm, daß ich
versuche, Ihre Geheimnisse zu ergründen.
Meine profane Neugier möge das entschuldigen.

Ohne Unterbrechung bewundere ich Ihre Tolldreistigkeit,
in welche Gefahren Sie sich begeben, um unseren
Horizont zu erweitern.
Ich habe mich gestern, Richtung Heide reisend,
der mythischen Eisgegend im Norden nur leicht
genähert, und es ist mir gar nicht wohl danach.
Umso größer ist mein Respekt für Ihre Heldentaten.

Ist das nicht seltsam? Es ist als ob Nordlicht Deine Reise zum Niðafjöll-Gebirge vorausgeahnt hat. Und hast Du nicht eben gesagt, dass Dir Dein Ausflug mit Þjazi und Skaði ‹tolldreist› vorgekommen ist?

Ernst: Das ist geradezu unheimlich!

Gná:

So hoffe ich inständig, Sie mögen, da abentheuerlustig,
den kühnen und aufregenden Erfahrungen in dieser
für mich ganz neuen Welt weiter aufgeschlossen zublicken,
aber doch irgendwann zurückkehren.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünsche
für Ihr tatsächlich nicht ungefährliches weiteres
Umherreisen und die gesamte Expedition

denkt an Sie
stets verbindlichst, ergebenst und hochachtungsvoll
Ihre
v. Nordlicht zu Nordlicht

Ernst: Das ist Fernfühlen vom Feinsten.

Gná: Allerdings! Doch das Beste kommt noch! Nordlicht schreibt in einem Postscriptum:

Wäre es ggf. möglich, im Humboldtschen Sinne,
einige wenige empirische Rohdaten aus dieser
fernsten Gegend, (gemessene Temperatur, Höhenangabe,
Weglänge) etc. zu berichten, oder haben Sie sich
bereits außerhalb des Bereiches des empirisch faßbaren
zu bewegen gewagt???

Ernst: Gná! Zuerst möchte ich Dir von ganzem Herzen danken, dass Du meinen Schlendrian ignoriert hast! Ohne Dein Insistieren hätte ich von dieser Email nie etwas erfahren. [springt auf und will Gná küssen, doch sie wehrt ab]

Gná: Keine Ursache!

Ernst: Und jetzt müssen wir sofort antworten. Sofort!

Gná: Ich höre.

Ernst:

Liebes Nordlicht
Ich bin baff, platt und verdattert –

Nein, das ist zu salopp! Also noch einmal:

Ich bin bass erstaunt! Wie kommt es, dass Du Dich – nota bene: im Dezember 2018 – nach ‹empirischen Rohdaten› erkundigst, wo weder Du noch ich wissen konnten, dass ich mit Þjazi und Skaði eine Fotosafari machen werde? Im Postscriptum sprichst Du von Temperatur, Höhenangabe und Weglänge. Überrascht es Dich, dass ich mit Móðguðr eben daran bin, die Fotos von dieser in der Tat tollkühnen Expedition zu einer Bildanimation zu verarbeiten? Wenn alles planmässig läuft, sind wir mit unserem ‹Humboldt›-Projekt noch diese Woche –

[zu Gná, die am Grüntee nippend zur Gjallarbrú hinüberschaut] Hörst Du mir überhaupt zu?

Gná: Aber sicher!

Ernst: Und bist Du auch sicher, das Gesagte an Nordlicht übermitteln zu können? Ich meine wortwörtlich?

Gná: Seine Durchlaucht möchte eine Probe aufs Exempel?

Ernst: Gerne.

Gná:

Liebes Nordlicht
Ich bin baff, platt und verdattert –

Das hat Seine Durchlaucht verworfen und ersetzt durch:

Ich bin bass erstaunt! Wie kommt es, dass Du Dich – nota bene: im Dezember 2018 – nach ‹empirischen Rohdaten› erkundigst, wo weder Du noch ich wissen konnten, dass ich mit Þjazi und Skaði eine Fotosafari machen werde? Im Postscriptum sprichst Du von Temperatur, Höhenangabe und Weglänge. Überrascht es Dich, dass ich mit Móðguðr eben daran bin, die Fotos von dieser in der Tat tollkühnen Expedition zu einer Bildanimation zu verarbeiten? Wenn alles planmässig läuft, sind wir mit unserem ‹Humboldt›-Projekt noch diese Woche –

Justgenauda wiehert Hofvarpnir. Gná pustet Ernst eine Kusshand zu und ruft: «A presto!» Ernst sieht, wie sie über der Nebelbank noch einen Looping dreht, ihre Zöpfe fliegen hin und her, dann ist sie ausser Sichtweite.


[1] Episode 121

[2] Episode 102

[3] Beowulf, Chapter XXXVI, 2669-2673

[4] Episode 72

[5] Episode 60. E caddi como corpo morto cade. Dante Alighieri, La divina commedia, Inferno, V/142, Übersetzung Ernst