121 Wie Ernst die Ohren langgezogen werden.

Gná: Schön, Euch endlich wieder zu sehen!

Ernst: Es tut mir leid, aber –

Móðguðr: Wir waren in Þrymheimr.

Gná: Wie geht’s dort?

Móðguðr: Þjazi und Skaði sind wohlauf, danke.[1]

Gná: Und Njorðr?

Móðguðr: Der füttert die Möwen am Strand von Nóatún. Du weisst ja, was er nach seinem Besuch in Þrymheimr sagte und so ist es noch immer:

Verhasst ist mir das Gebirge,
ich war nicht lange da,
nur neun Nächte,
der Wölfe Geheul
ist mir widerwärtig
im Vergleich zum Gesang der Schwäne.

Gná: Ist es denn wirklich so schlimm?

Ernst: Am Anfang hat es mich auch irritiert, aber man gewöhnt sich daran.

Móðguðr: Ernst und Þjazi machten übrigens einen Ausflug nach Niðafjöll.[2]

Gná: [entsetzt] Nach Niðafjöll?

Ernst: [stolz] Ja!

Gná: Und Niðhöggr?[3]

Ernst: [beiläufig] Einmal, da sahen wir seltsame Spuren, aber Þjazi meinte, das seien keine Drachenkrallen und es sei für diese Brut jetzt ohnehin zu kalt.

Gná: Inzwischen habe ich nun auch alle Emails gelesen.

Móðguðr: Wenn Du nächste Woche vorbeikommst, werden wir Dir die Fotos zeigen.

Gná: Und an den Emails ist niemand interessiert?

Ernst: Sind es viele?

Gná: Mindestens zwanzig.

Móðguðr: Wie bitte?

Ernst: [scheinheilig] Tatsächlich?

Gná: Die erste Email, die nicht mehr beantwortet wurde, ist vor sechs Monaten, am 13. Juli 2018, eingegangen:

Lieber Ernst

„Ich pflücke Chrysanthemen am östlichen Hang,
betrachte gelassen die südlichen Berge.“
(Natsume Soseki zitiert Tao Yuanming im „Graskissenbuch“)

Viel Mut
Nordlicht

Und die letzte Email ist vor einer Woche, am 14. Januar 2019, eingetroffen. Sie stammt ebenfalls von Nordlicht:

Liebe Gná

Du bist wohl unter einer Lawine der an Ernst adressierten Emails verschüttet und weißt jetzt auch nicht mehr,
wie es weitergehen soll, und worauf Du Dich da eingelassen hast… „Botin“…
hättest mal die Postboten zu Weihnachten fragen sollen, was das bedeutet,
die liegen jetzt alle flach und husten.
Oder mußt Du vorsortieren, einige Mails unterwegs verlieren, damit Ernst ernst bleibt?

Liebe Gná, nimm es nicht allzu ernst, bei diesem Schneetreiben ist es doch mehr als
entschuldbar, wenn da was verlorengeht, will sagen: müh‘ Dich nicht so ab.
Ernst sitzt am Feuer, bekommt „bigo“, „kisses“, „dreams“, „sweets“ und alles
Wohlbehagen der Welt, heißt doch sein Journal wohl immer noch
„Wellness J.“, oder sollte ich mich da irren?

Mit herzlichen Neujahrsgrüßen an das gesamte Ensemble und
den lieben Ernst,
Euer / Dein
Nordlicht

Gná: Und noch im alten Jahr schrieb La Chulia –

Móðguðr: Lachulia?

Ernst: Darling, das ist lächerlich.

Móðguðr: Man wird doch noch fragen dürfen!

Gná: Kommen wir zur Sache?

Móðguðr: Jetzt verstehe ich endlich, weshalb Du ohnmächtig geworden bist. Urdrmolnirfenrirlukkilokkibaugiman![4]

Ernst: Also, wenn Du Dich jetzt wegen dieser Lachulia –

Móðguðr: Lachulia ist eine Lappalie, ein Klacks, ein Pappenstiel! Die ist mir egal, schnurzpiepegal! Es geht um die Emails! Und wenn Du jetzt nochmals umkippen solltest, so lass ich Dich auf dem Boden liegen, so wahr ich Móðguðr heisse!

Gná: Warum regst Du Dich so auf? Du tust ja fast so, als ob es auch deine Schuld wäre.

Móðguðr: Und ist es das nicht? Es gibt sicher welche, die denken, dass ich nicht zum Rechten schaue, dass ich es zulasse, nein, dass ich es noch fördere, wenn Ernst schlampt. Wie damals beim Essen: Es muss etwas getan werden, es muss etwas getan werden! Aber nicht heute, nein, heute nicht! Das kann ich nicht mehr hören! Das hängt mir zum Hals heraus! Das habe ich nudelsatt! [setzt sich direkt vor Ernst] Ernst sitzt am Feuer, bekommt «bigo», «kisses», «dreams», «sweets» und alles Wohlbehagen der Welt. [klopft sich auf die Schenkel] Dass ich nicht lache! Wenn das so weitergeht, lasse ich Niðhöggr kommen.

Ernst: Du drohst mir mit Niðhöggr?

Móðguðr: Jawoll! der fackelt nicht lange!

Gná: Ich pflücke Chrysanthemen am östlichen Hang, betrachte gelassen die südlichen Berge.

Móðguðr: Jetzt fängst Du auch noch an!

Ernst: Móðguðr, es tut mir leid!

Móðguðr: Es tut mir leid, es tut mir leid! und ich? hm? Ich soll jetzt einfach auf den Reset-Button drücken und so tun, als ob nichts gewesen? Wisst Ihr was? Ihr könnt mich mal – kreuzweise! [geht zur Gjallarbrú]

Gná: Was meint Nordlicht mit «bigo»?

Ernst: Keine Ahnung. Vielleicht wollte sie «Bingo» schreiben. Aber vielleicht sollte ich jetzt besser mal nachschauen, vielleicht kann ich die Sache doch noch resetten.

Gná: Du bleibst hier.

Ernst: Und die Emails? Móðguðr hat Recht, meine Schlamperei ist grenzenlos und unverzeihlich. I shame me so verily.

Gná: Übrigens, was die letzte Email angeht ­– da bist Du fein raus.

Ernst: Wie denn?

Gná: Die ist an mich adressiert. Nordlicht schreibt «Liebe Gná». Das war schon bei einer früheren Email so. Lass das also meine Sorge sein. Ich werde es morgen früh in Ordnung bringen.

Ernst: Du weisst nicht, wie ich Dir dankbar bin.

Gná: Schon gut, schon gut. Und jetzt geh mal zur Gjallarbrú, da wartet jemand auf Dich.

Ernst: Vielen Dank! Bis bald!

Gná: Bis bald!


[1] Episode 113

[2] Episode 111

[3] ebenda

[4] Móðguðrs Fluch besteht aus Urdr (eine der drei Schicksalsgöttinnen), Molnir (Hammer vom Donnergott Thor), Fenrir (Wolf, der den Göttervater Odin bei der Schlacht von Ragnarøkkr töten wird), Lukkilokki (der ‹glückliche› Unglücksgott Loki), Baugiman (Riese, der den Honigwein der Dichtung aufbewahrt). Der Fluch ist der Mittelteil des hundertbuchstabigen Donnerworts in James Joyce, Finnegans Wake, III/424, s. auch Episode 116.