118 Riesinnen.

Gná: Ich habe Euch das letzte Mal gefragt, wie Ihr wieder aus der Höhle gekommen seid, aber dann sind wir abgewichen.

Móðguðr: Zu diesem Golfer!

Gná: Du meinst Gulliver?

Móðguðr: Der, der auf seiner Riesin herumschlendert.

Ernst: Du wolltest uns etwas vorlesen.

Gná:

Die Riesin, ein liebenswürdiges und fröhliches Mädchen von sechzehn Jahren, setzte mich ab und zu rittlings auf eine ihrer Brustwarzen mit vielen anderen listigen Kunstgriffen, wobei mich der Leser entschuldigen möge, wenn ich hier nicht weiter ins Detail gehe.[1]

Móðguðr: Bist Du sicher, dass von diesen ‹Kunstgriffen› nie mehr die Rede ist?

Gná: Gulliver beschreibt, wie ihn die Riesinnen auf ihre Boudoir-Tischchen setzen und sich vor ihm ungeniert ausziehen.

Móðguðr: Perfectly wonderful!

Gná: Und dann heisst es noch:

Es kam dabei auch des öftern vor, dass die Riesinnen mich vollständig entkleideten, um sich dem Vergnügen hinzugeben, mich nackt zu sehen und überall zu berühren und in meiner ganzen Länge zwischen ihre Brüste zu legen.[2]

Móðguðr: Wie heisst der Autor?

Gná: Jonathan Swift.

Ernst: Ich dachte, dass «Gullivers Reisen» ein Buch für Kinder sei.

Gná: Aber noch habt Ihr mir nicht erzählt, was passiert ist, nachdem Ihr Euch in der Höhle geküsst habt?

Ernst: Woher weisst Du, dass wir uns geküsst haben?

Móðguðr: Aber das ist doch klar, Ernst!

Gná: Hahaha!

Móðguðr: Nach unserem ersten Kuss zückt Ernst sein Handy und macht eine Aufnahme vom Gitter.

 

 

Dann stecke ich Ernst in meine Rocktasche, gehe zum Ausgang und zeige ihm die Aussicht. Auch da macht Ernst ein Foto.

 

 

Schliesslich trage ich Ernst nach Gjallarbrú, wo Ernst ein Bad nimmt, ‹wobei mich die Lesenden entschuldigen mögen, wenn ich hier nicht weiter ins Detail gehe›.

Gná: Darf ich das Thema wechseln?

Móðguðr: Nur zu!

Gná: Es freut mich, dass sich Ernst bei Dir so gut eingelebt hat. Was mich jedoch stört, ist, dass ich in eine Lage gekommen bin, die mir nicht behagt.

Móðguðr: Wie denn?

Gná: Ernst, Du weisst nur allzu gut, dass Du alles, also auch Deinen Laptop, im Haus der kahlen Sängerin zurückgelassen hast.

Ernst: [seufzt] Ja.

Gná: Um es kurz zu machen: Seit dem 7. November berichte ich der Community, was Du machst, wo Du Dich aufhältst und wie es Dir geht.

Móðguðr: [springt auf] Ernst! Das darf doch nicht wahr sein!

Ernst: Ich wollte schon lange –

Gná: Das Ganze ist ja auch nicht schlimm. Es ist einfach so, dass Du jetzt Stellung beziehen musst. Willst Du weiterschreiben? Wenn nicht, wäre es wohl an der Zeit, den Leuten das mitzuteilen.

Móðguðr: Das ist überhaupt keine Option. Ernst schreibt weiter. Und wenn der Herr zu faul ist, kann er gleich verreisen.

Gná: Es geht in erster Linie um die Emails.

Móðguðr: Wie viele sind es?

Gná: Ich kann Ernsts Laptop ohne Passwort nicht öffnen. Aber ich nehme an, dass sich schon einiges angehäuft hat.

Móðguðr: Ernst? [peinliche Pause] Weshalb sagst Du nichts?

Gná: Ernst, es ist Ernst!

Móðguðr: So sprich doch endlich!

Ernst: Ich g’höre nüt vom Wasser deet, vo däm schlifferige Wasser deet. Aber d’Fläddermüs flattered und d’Fäldmüs ruusched und raschled.[3]

Móðguðr: Er halluziniert! Gná, hilf mir!

Móðguðr und Gná beugen sich über Ernst, der in sich zusammengesackt und der Länge nach auf den Boden gesunken ist.

Móðguðr: Ernst! Darlingst!

Gná: Das kann nicht schlimm sein.

Móðguðr: Da! Siehst Du den Drachen?

Gná: Wo?

Móðguðr: Es ist Nidhöggr! Er sitzt auf Ernsts Brust!

Gná: Du fantasierst.

Móðguðr: Wir müssen etwas tun! Du hast doch erst neulich diesen Erste-Hilfe-Kurs besucht!

Gná: Siehst Du! Da hättest Du jetzt besser auch teilgenommen.

Móðguðr: Diese Notfallkurse nützen mir überhaupt nichts. Hier sind eh schon alle tot. Aber es gibt doch diese 3-Punkte-Formel: Atmet er? Spricht er?

Gná: Das ist eine gute Idee. Das prüfen wir jetzt. Antwortet er?

Móðguðr & Gná: [dreifaches Forte] Ernst! [fünffaches Forte] Ernst!

Móðguðr: Negativ! Und jetzt?

Gná: Atmet er? – Na los! Beug Dich zu ihm hinunter!

Móðguðr: [hält das Ohr an Ernsts Nase] Es kitzelt! Er atmet!

Gná: Pulst er?

Móðguðr: Was meinst Du mit Pulster?

Gná: Prüfe seinen Puls!

Móðguðr: [tastet an Ernsts Handgelenk] Nichts! Achachach! Ernst ist tot!

Gná: [prüft Ernsts Halsschlagader] Er pulst.

Móðguðr: [wirft sich aufs Sofa] Ernst pulst!

Gná: Siehst Du!

Móðguðr: Du meinst, Ernst lebt?

Gná: Aber sicher. Schau nur! Sein Brustkasten hebt und senkt sich ganz normal. Das beste ist wohl, wenn wir ihn in Dein Bett legen. Morgen ist auch ein Tag.

Móðguðr: Könntest Du bei mir übernachten? Ich bitte Dich, Gná, lass mich nicht allein, nicht jetzt!

Gná: Hast Du ein Gästezimmer?

Móðguðr und Gná tragen Ernst ins Schlafzimmer und bald hört man nur noch den Gjöll-Fluss, der mit den Seelen der Verstorbenen nach Niflheim rauscht.


[1] The giantess, a pleasant frolicsome Girl of sixteen, would sometimes set me astride upon one of her Nipples, with many other Tricks, wherein the Reader will excuse me for not being over particular. Jonathan Swift, Gulliver’s Travels, Chapter II, A Voyage to Brobdingnag, Several Adventures that happened to the Author. Übersetzung Ernst

[2] They would often strip me naked from top to toe, on purpose to have the pleasure of seeing and touching me and lay me at full length in their Bosoms.

[3] Can’t hear the waters of. The chittering waters of. Flittering bats, fieldmice bawk talk. James Joyce, Finnegans Wake, I/215, Übersetzung Ernst