116 Beethovens Rocklabor.

Móðguðr: Ich möchte hier anfügen, dass der Titel meine Idee war. Ernst war zuerst nicht einverstanden und sagte: «Darling, es sind Deine Höhlen, der Film ist eine Hommage an Dich, die Hüterin der Gjallarbrú, deshalb ist es nichts als fair, ihn ‹Móðguðrs Felslabor› zu nennen.» Da entgegnete ich: «Wie schön von Dir, aber mein Name ist unbekannt, ich bin eine berüchtigte Kämpferin und gelte als unmusisch und ill-bred und vor allem: Wer rockt besser als Beethoven? Aber wenn Du mir einen Gefallen tun willst, dann möchte ich, dass Du den Titel nicht zentriert, sondern links und leicht erhöht in einem spargeligen Grün aus einem edelweissweissen Hintergrund auftauchen lässt.»[1]

Gná: Das ist raffiniert!

Móðguðr: Sophisticated?

Gná: Ja! Sehr!

Ernst: Bevor wir uns den Film anschauen, möchte auch ich noch etwas vorausschicken. Der Aufstieg zu Móðguðrs Rocklaboratory war very steil.

Gná: Wie sagtest Du neulich?

Ernst: Slimsmall and steeplysteep?

Gná: Hahaha!

Ernst: Nur schade, dass das im Film überhaupt nicht zum Ausdruck kommt.

Móðguðr: Aber man hört es.

Ernst: Ist es wirklich so schlimm?

Móðguðr: Allerdings! Du kannst den 2:3-Rhythmus[2] schon nach wenigen Minuten nicht mehr halten.

Ernst: Ach!

Móðguðr: Du bist schlecht trainiert, Ernst! Seit der Velofahrt in Episode 8 hast Du nie mehr etwas gemacht. I shame me for you – very!

Ernst: Ich weiss, ich weiss –

Móðguðr: Und wie steht es mit Deinen Rückenübungen, hm? Anstatt ständig am Essen herumzudoktern, würdest Du besser Deinen Körper fit halten. Orandum est ut sit mens sana in corpore sano.[3]

Gná: Schauen wir uns nun den Film an oder nicht?

Móðguðr: Du hast Recht. Noch etwas Tee?

Gná: Gerne!

 

 

Gná: Da kann ich nur gratulieren. Vor allem die Szenen in der Grotte mit dem rost-, oker- und lavafarbenen Gestein haben es mir angetan – der Film ist eerie & weird & very malerisch, too, wie mit Pastellkreide gemalt.

Móðguðr: Eerie & weird?

Gná: Ja!

Móðguðr: Was heisst eerie & weird?

Gná: Unheimlich & unheimlich.

Ernst: Hahaha!

Móðguðr: Ihr wollt Euch über mich lustig machen? Wartet nur! Ihr werdet noch Eure blauen Wunder erleben! Ullhodturdenweirmudgaargringnir![4]

Ernst: Easy, Móðguðr, easy!

Gná: Aber woher kommt eigentlich dieses hin und her fahrende Licht?

Móðguðr: [hat sich wieder beruhigt] Wir haben festgestellt, dass es heute Mode ist, sich die Überfahrt ins Jenseits als Tunnel vorzustellen, an dessen Ende ein Licht aufscheint.

Ernst: Und dem ist nicht so?

Móðguðr: Ernst, wie oft habe ich Dir gesagt, dass Du das, was sich dort ereignet, nicht verstehen kannst. Es fehlen Dir die Begriffe.

Ernst: [seufzt] Ja.

Móðguðr: Um diejenigen, die diesen esoterischen Glauben pflegen, nicht zu enttäuschen, machte mein Onkel, der Riese Þjazi[5], den Vorschlag, einen Tunnel zu bohren.

Gná: Und jetzt gräbt er sich mit einem Katerpiller ins Gestein?

Móðguðr: Ein grandioser Plan, nicht wahr?

Ernst: Ihr wollt den Tod vermarkten – wie ein Dorf in den Schweizer Bergen?

Móðguðr: Wenn es sich herumspricht, dass da ein Tunnel ist und am jenseitigen Ende tatsächlich ein Licht leuchtet – das ist doch eine tröstliche Vorstellung, auf alle Fälle etwas, das auch mich, die Hüterin der Gjallarbrú, aufwertet, mich auflichtet, wenn ich so sagen darf. Wir planten den Tunnel für Weihnachten, dann gab es jedoch Probleme mit dem Opalinuston (das ist das Gestein hier, es ist voller Ammoniten und stammt aus dem Aalenium), aber nächsten Frühling ist es soweit. Ich freue mich schon jetzt auf das Eröffnungsfest!

Ernst: Na, sowas!

Gná: Licht lockt Leute – ein schöner Gedanke!

Móðguðr: Aber –

Justgenauda wiehert Hofvarpnir. Gná pustet Ernst und Móðguðr eine Kusshand zu und ruft: «A domani!» Sie sehen, wie sie über dem goldenen Dach der Gjallarbrú noch einen Looping dreht, ihre Zöpfe fliegen hin und her, dann ist sie ausser Sichtweite.


[1] Es ist wohl kein Zufall, dass sich Móðguðr mit dieser seltenen Farbbezeichnung an den Macarons fins de qualité der Biscuiterie de Montmartre orientiert (Episode 37) und ‹spargelig› evoziert natürlich auch «L’asperge» von Édouard Manet, das Nordlicht in Episode 83 erwähnt.

[2] Episode 102

[3] Beten sollte man darum, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei. Juvenal, Satire 10, 356. Übersetzung Ernst

[4] Móðguðrs Fluch besteht aus Ullhod (Gott von Schnee und Eis), Turdenweir (Donner und Sturm), Mudgaar (Mutter Erde), Gringnir (Odins Speer) und Thor (Donnerer). Es ist der Anfang des zehnten und letzten Donnerworts in James Joyce, Finnegans Wake, III/424

[5] Episode 113