113 Was Gná von Ernst und Móðguðr vernimmt.

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Obwohl Hugin und Munin zuverlässig sind und in ihren Berichten noch nie etwas dazu erfunden oder weggelassen haben, will ich mir mein eigenes Bild machen. Ich fliege also zur Gjallarbrú, der mit Gold bedeckten Brücke, die über den Gjöll-Fluss vom Diesseits zu Niflheim führt und von der Riesin Móðguðr bewacht wird. Ohne bemerkt zu werden, verstecke ich mich im Gebälk und höre folgendes Gespräch:

Ernst: Noch etwas Tee, darling?

Móðguðr: Gerne.

Ernst: Ach!

Móðguðr: Was bedrückt Dich, Mysweetlyheart?

Ernst: Mein Aufenthalt bei Dir erinnert mich an Odysseus, der sieben Jahre bei Kalypso auf ihrer Insel Ogygia verbracht hat.

Móðguðr: Ich kenne die Geschichte nicht im Detail, ich weiss nur, dass sich Odysseus immerfort nach seiner Gattin, der holden Penelope, sehnt und (während Kalypso an ihrem Webstuhl sitzt) mit einem Stecken Zeichen in den Sand schreibt und trübselig über das Meer blickt. Willst Du sagen, dass Du Dich ebenfalls grämst und wieder zurück ins Haus der kahlen Sängerin möchtest?

Ernst: Darling!

Móðguðr: Ernst, ich bitte Dich, verschweige mir nichts. Oder schmeckt Dir mein Tai Ping Hou Kui nicht? Du weisst, 100 g kosten weit über CHF 1’000!

Ernst: Was ich sagen will, ist, dass oft übersehen wird, wie gut es Odysseus bei der Kalypso hatte. Als der Götterbote Hermes sie besuchte, heisst es:

Ändtlig erlickt und erlängt er die wytabglägeni Insel,
stygt usem feischtere Meer, erwütscht itz ds sicheren Ufer,
länkt nach der grüümige Grotte vo der Göttin Kalypso.
Prächtig preicht er’s. Si steit bim Herd vor de mächtige Flamme.
Zäntum duftet’s nach Harz vo Zederspähn u vo Tuja.[1]

Móðguðr: Ernst! Das ist Deine Muttersprache, nicht wahr? Wie melodisch und heimisch das klingt! Und obwohl ich kein Wort verstehe, weiss ich genau, was Du gesagt hast. Bitte fahr’ weiter! lies & sing und lass mich hören, wie’s weitergeht!

Ernst:
Los da, si singt! Es tönt melodisch u lieblig dür d’Wonig.
Yfrig steit si am Wäbstuehl, u gleitig flitzt ds guldige Schiffli.
Rings um d’Grotte gruenet e Wald vo prächtige Böime:
Erle stöh da u raani Zypressen u glimpfige Saarböim.
Chutzen u Huuri nischte zäntum i Bletter u Zweige.
Falken u Chräje, Schaare vo wällespilgwanete Vögel.[2]

Móðguðr: [springt auf, küsst Ernst auf die Glatze] Chutzen u Huuri u Falken u Chräje –

Ernst: Deine Grotte ist my home & my castle; das Brausen des silberblinkenden Gjölls sounds & halls in meinen Ohren wie die Mondscheinsonate van Beethoven; Deine schönwallenden Locken pleaseme daily more & more; auch der Duft der brennenden Scheiter aus Eichenholz ist sweetlyer noch als jener von Ceder und Citrone; und wenn Du beim sinking feeling mit rauem Timbre der Toten gedenkst, schmilzt Ernsts Herz dahin, als wär’s aus Wachs.

Móðguðr: Schön gesagt, Ernst, schön gesagt! Und obwohl vieles dagegen spricht: Ich glaube und vertraue Dir, Ernst!

Ernst: Das wahre Vertrauen offenbart sich erst, wenn alles dagegen spricht.

Móðguðr: Wie wahr! Übrigens, kennst Du die Geschichte von meiner Cousine Skaði und ihrem Ehemann Njorðr?

Ernst: Was ist das für eine Geschichte?

Móðguðr: Nach der Heirat will Skaði in der Heimat ihres Vaters, des Riesen Þjazi, bleiben, der im Gebirge von Þrymheimr wohnt. Njorðr aber will in Nóatún nahe am Meer leben.

Ernst: Schlechte Voraussetzungen für eine glückliche Ehe.

Móðguðr: Allerdings!

Ernst: Und?

Móðguðr: Sie kommen überein, dass sie abwechslungsweise in Þrymheimr und Nóatún wohnen. Aber nach seinem ersten Aufenthalt in den Bergen sagt Njorðr:

Verhasst ist mir das Gebirge,
ich war nicht lange da,
nur neun Nächte,
der Wölfe Geheul
ist mir widerwärtig
im Vergleich zum Gesang der Schwäne.[3]

Ernst: Hahaha! Und Skaði?

Móðguðr: Ihr geht es nicht besser, sie sagt:

Schlafen konnte ich nicht
am Meeresstrand
wegen des Gekreisches des Vogels;
er weckt mich,
wenn vom Meer kommt
jeden Morgen die Möwe.

Ernst: Skaði zieht also wieder hinauf ins Gebirge, fährt Ski und schiesst mit ihrem Bogen Tiere?

Móðguðr: So ist es.

Þrymheimr heisst es,
wo Þjazi lebt,
der übermütige Riese;
und nun wohnt Skaði,
die lichte Braut des Gottes,
in dem alten Wohnplatz ihres Vaters.

Ernst: Ich sehe, dass es in Deiner Welt, nicht anders zu und hergeht als in meiner. Eine Ehe, die auf einem Kompromiss basiert, ist wohl immer zum Scheitern bestimmt. Aber wo hatte denn Skaði ihre Augen, als sie Njorðr heiratete? Wenn etwas nicht stimmt – das nimmt man doch meistens schon beim ersten Blickkontakt wahr.

Móðguðr: Ja, schon, aber bei Skaði und Njorðr war das etwas Spezielles.

Ernst: Ein Blind Date?

Móðguðr: Hahaha! Du sagst es.

Ernst: How come?

Móðguðr: Die Götter stellten Skaði die Bedingung, dass sie bei der Gattenwahl nur die Füsse der heiratswilligen Riesen sehen dürfe. So fiel ihre Wahl auf Njorðr.

Ernst: Hm! So was!

Móðguðr: Aber es ist spät geworden. Ich gehe noch schnell zur Brücke hinunter und dann ziehen wir uns zurück, ja?

Ernst: Das ist ganz in meinem Sinn, sweetlyheart, a presto!

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In meinem Versteck höre ich, wie Ernst das Teegeschirr in den hinteren Teil der Grotte trägt. Das ist der Zeitpunkt, wo ich Hofvarpnir ein Zeichen gebe und von niemandem bemerkt, wieder davonfliege. Nun kann ich mir gut vorstellen, dass viele von Euch froh sind, dass Ernst wohlauf ist und das Leben geniesst und auch ich bin erleichtert. Andererseits bin ich auch skeptisch. Was mir zu denken gibt, ist die Sweetlyheartsprache und der Standesunterschied. Die Kluft zwischen der Riesin Móðguðr und dem Menschen Ernst scheint mir so gross wie die Unvereinbarkeit der Wünsche von Skaði und Njorðr. Sobald ich mehr weiss, melde ich mich wieder.

Hjartanlega – herzlich
Gná


[1] Albert Meyer, Homer Bärndütsch, Odyssee, V/55-59. Aber als er zur Insel gelangte, der ferne gelegenen / Trat vom veilchenfarbenen Meer er über aufs Festland, / Ging und gelangte zur grossen Grotte, in welcher die Nymphe / Wohnte, mit schönwallenden Locken, und fand sie zuhause. / Feuer loderte auf dem Herd, und über der Insel / Zog weithin der Duft der Scheite von Zeder und Harzbaum, / Die da brannten. Homer, Odyssee, übersetzt von Roland Hampe.

[2] Sie sang im Hause mit lieblicher Stimme, / Hin und her am Webstuhl ging sie mit goldenem Schiffchen. / Draussen war grünender Wald rings um die Grotte gewachsen, / Erlenbäume und Pappeln und duftende, dunkle Zypressen. / In ihren Zweigen nisteten flügelbreitende Vögel, / Käuzchen sowohl als Falken und zungenreckende Krähen, / Wasservögel, die immer ihr Werk am Meere verrichten.

[3] Snorri Sturluson, Gylfaginning, Kap. 23, aus dem Altisländischen übersetzt von Gottfried Lorenz