109 Das vierte Gespräch mit Gná: Drei Tage vorher, drei Tage nachher.

Wo ein Ende ist, gibt es einen Anfang.
Das ist der Gang des Himmels.[1]

Ernst: «Zeit ereignet sich, wenn wir ein Fest feiern oder wenn Frigg dereinst um ihren Sohn Baldr weinen wird, sonst aber sprechen wir nicht von Zeit.»[2] Das sagtest Du in unserem zweiten Gespräch, nicht wahr?

Gná: Mh.

Ernst: Und als ich mein Domizil verliess und in die Kastanienklause zog – war das auch Zeit?

Gná: Gewiss! Nicht umsonst schriebst Du: «Es ist Zeit, Ernst zu machen!»[3]

Ernst: Aber als ich mich abmühte und scheiterte und abmühte und scheiterte – das war nach Deinem Verständnis keine Zeit?

Gná: Richtig. Denn es hat sich ja auch nichts mehr ereignet. Du bist an Ort getreten, hast Dich im Kreis gedreht und Finten geschlagen und Kapriolen gemacht und von der Überquerung des grossen Stroms geträumt, aber die Zeit, die hast Du dabei nicht bewegt.

Ernst: Was habe ich denn falsch gemacht?

Gná: Du hast die Grundregel missachtet: «Vor dem Neubeginn drei Tage, nach dem Neubeginn drei Tage.»[4]

Ernst: Ich hätte das Alte also erst mal richtig ausmisten sollen?

Gná: So ist es. Und irgendwie hast Du das damals ja auch geahnt, denn wie sonst hättest Du schreiben können:

Schämt Ernst Ernst denn gar nicht, Ernsts Unsinn weiter herunterzuleiern? Ernsts Unfug wie ein schutzloses Pflänzchen, als Ernsts allerliebstes Unkraut zu hätscheln? und Tag für Tag als Sündenbekenntnis aufzuschreiben?[5]

Aber eben: Anstatt hätscheln und tätscheln, hättest Du jäten sollen. Und dann wäre die Zeit reif gewesen, etwas zu säen. Und dann hättest Du drei Tage darauf achten müssen, ob das Saatgut Wurzeln schlägt. Und so hättest Du Dir den ganzen Leerlauf ersparen können.

Ernst: Hättesthättesthättest!

Gná: Du hast Recht. Ich bin eine Botin und keine Beraterin in Sachen Essproblematik. Da wäre Vör zuständig oder Sága oder Eir.

Ernst: Kann man eigentlich nur mit Dir nach Niflheim gelangen oder gibt es auch Privatwege?

Gná: Du möchtest allein hingehen?

Ernst: Ja.

Gná: Nun …

Justgenauda wiehert Hofvarpnir. Gná pustet Ernst eine Kusshand zu und ruft: «A presto!» Ernst sieht, wie sie über der Nebelbank noch einen Looping dreht, ihre Zöpfe fliegen hin und her, dann ist sie ausser Sichtweite.


[1] Shi Yi, Duan Zhuan, Erster Flügel

[2] Episode 105

[3] Episode 1

[4] Frank Fiedeler, Yijing, H18/0

[5] Episode 20