107 Das dritte Gespräch mit Gná: Zum Andenken.

Um die Wartezeit zu verkürzen, liest Ernst die letzten Episoden noch einmal durch und macht verschiedene Ergänzungen und Korrekturen.[1] Dann giesst er das Wasser über den Yun Wu und stellt ein zweites Tässchen parat. Doch nun – wie Ernst so dasitzt und auf Gná wartet – steigt plötzlich eine grosse Traurigkeit in ihm auf. Dabei ist ihm nicht klar, ob die Traurigkeit daher kommt, sich auf ein Abenteuer eingelassen zu haben, das seine Kräfte übersteigt, oder ob sie im Haus der kahlen Sängerin modert und jetzt immer mehr auf ihn übergeht.

Viele Freunde rieten nun, hier umzukehren. Aber Alexander schlug ihren Ratschlag in den Wind, da er das Ende der Welt sehen wollte. Und so gelangten sie an einen nebligen Ort. Da sie aber wegen der Unwegsamkeit der Gegend und der immer dichter werdenden Finsternis nicht weiter vordringen konnten, schlugen sie ihre Zelte auf. Dann zogen sie dreissig Meilen weiter und erblickten den Himmel ohne Sonne, ohne Mond und ohne Sterne. Dort sahen sie zwei Vögel umherfliegen, die ein menschliches Antlitz hatten und in griechischer Sprache riefen: «Nicht ist dir erlaubt, durch dieses Land zu ziehen! Kehre um Unglücklicher, die Inseln der Seligen vermagst du nicht zu betreten! Du, der du das Iridische nicht kennst, warum suchst du das Himmlische zu erreichen? Kehre um! Du bist ein Mensch, geh zurück in das Land, das dir gegeben ist, damit du nicht den Vögeln zum Frass wirst!»[2]

Gná: Schauen wir uns den Film an?

Ernst: Ich habe Dich nicht kommen gehört.

Gná: «Pas?»[3]

Ernst: Hast Du Zeit?

Gná: «Oh! Meine Zeit erlaubt es durchaus; meine Zeit steht mir völlig zur Verfügung.»[4]

Ernst: Tee?

Gná: Gerne! Aber vorher möchte ich noch wissen, woran Du eben gedacht hast.

Ernst: Das Haus der kahlen Sängerin, also, ich meine das Zollhaus, und die Reise nach Niflheim … ich habe Angst, dass ich mich übernommen habe.

Gná: Wie wenn man sich zu wenig warm angezogen hat und einen Schnupfen befürchtet?

Ernst: Mehr als das!

Gná: Bereust Du es?

Ernst: Nein.

Gná: Wirklich nicht?

Ernst: Ich habe sogar das Gefühl, mich erinnern zu können.

Gná: Du erinnerst Dich an etwas, das Du gar nicht mitbekommen hast?

Ernst: Es könnte doch sein, dass in mir Erinnerungen aktiviert werden, die ich jetzt – obwohl sich die Reise jenseits von Zeit und Raum abgespielt hat – als etwas Altbekanntes wahrnehme, etwas, an das sich meine Seele erinnert. Vor allem die Geräusche … es war, als hörte ich die Rückseite eines Teppichs … und da, wo wir durch die Nebelbank fliegen, das klingt, als ob Tausende von Glasscherben splitterten, Nägel, die auf eine Magnetplatte fallen.[5]

Gná: Das sind die Schritte der Verstorbenen.

Ernst: Die Schritte der Verstorbenen? Sie haben also noch immer einen Körper? Füsse, die auftreten und dabei hörbar –

Gná: Ich habe den Film, wie gesagt, Deiner Wahrnehmung entsprechend angepasst. Und wenn ich jetzt von Schritten spreche, so tue ich es, damit Du Dir ein Bild machen kannst. Gibt’s noch andere Dinge, die Dich befremden?

Ernst: Ich erwartete, dass sich der Nebel allmählich lichtet, doch im Film geschieht das abrupt: wo eben noch Nebel war –

Gná: Was ist?

Ernst: Ist das nicht seltsam, dass Nebel rückwärts gelesen Leben gibt?

Gná: Hahaha! Very seltsam, indeed!

Ernst: Es gibt also keinen gleitenden Übergang?

Gná: «La tombe aime tout de suite le silence.»[6]

Ernst: Und wie ist das bei Dir?

Gná: Ich bin eine Ásynja, eine Göttin.

Ernst: Unsterblich.

Gná: [nippt am Wun Yu] Mh.

Ernst: Und doch kennt Dich kaum noch jemand?

Gná: [träumerisch]

Hjúki & Bil,
Fulla, Snotra, Vár,
Gerðr, Hlín,
Iðunn, Irpa, Njörun,
Sjöfn, Rindr, Rán,
Eir, Sól, Syn,
Nanna, Þrúðr, Lofn, Sif,
Gefjon, Sigyn, Þorgerðr Hölgabrúðr,
Skaði, Frigg, Ilmr, Sága, Vör …

[seufzt] Du hast Recht: Wer in aller Welt kennt uns noch? [nimmt einen tüchtigen Schluck Wun Yu] Wir sind unsterblich, aber nicht unvergänglich.

Ernst: Und der Rückflug?

Gná: Wir flogen durch den ‹Tunnel der schreienden Seelen›.[7] Hofvarpnir liebt diese Route und so mache ich ihm zuliebe immer wieder mal diesen kleinen Umweg.

Ernst: Warum bricht die Musik so abrupt ab?

Gná: Das ist wie beim Hinflug. Es gibt keine Übergänge. Schauen wir uns das Ganze einmal an?

Ernst: Gerne!

 

 


[1] Die Änderungen betreffen Episoden 104, 105 und 106.

[2] Der Alexanderroman, Abenteuer im fernen Osten, dt. Friedrich Pfister

[3] Nicht? / Schritte? Stéphane Mallarmé, La musique et les lettres, Übersetzung Ernst

[4] Fjodor Dostojewskij, Der Idiot, Lisaweta Prokofjewna, aus dem Russischen von Sewtlana Geier

[5] Gná hat für die ersten zweieinhalb Minuten des Films die Komposition «Concret PH» von Iannis Xenakis verwendet. Xenakis nahm das Knistern brennender Holzkohle auf und teilte die Töne in kleinste Fragmente auf. Gná vergleicht in Episode 105 das Brutzeln der Töne zu Recht mit dem ‹Klirrklirr, wenn der Dessertlöffel die Zuckerkruste einer gebrannten Crème brûlée durchbricht›. Xenakis beschreibt den Effekt als Linien von Tönen, die sich auf komplexen Pfaden von Punkt zu Punkt im Raum bewegen, «wie Nadeln, die von überall dahersausen, losstürzen und davonflitzen.» https://en.wikipedia.org/wiki/Concret_PH

[6] Das Grab liebt augenblicklich die Stille. Stéphane Mallarmé, Divagations, Verlaine, Übersetzung Ernst

[7] Gná bezieht sich hier auf den Schluss von Iannis Xenakis’ «Persepolis». Das knapp einstündige Werk wurde 1971 von Mohammed Reza Pahlevi für das Shiraz Art Festival in den Ruinen der alten Hauptstadt Persepolis in Auftrag gegeben. In dieser Aufführung war es Teil einer Multimedia-Performance «Polytopes – viele Räume». Entsprechend der Topografie der Ruinen wurden 59 Lautsprecher auf dem Gelände so platziert, dass verschiedene Abschnitte der Komposition Räume bilden, die die Zuschauer nacheinander betreten konnten. So entstand die antike Stadt im künstlerischen Medium virtuell neu. http://africanpaper.com/2018/05/26/iannis-xenakis-persepolis/