105 Das zweite Gespräch mit Gná: Welcome on board.

Gewüss ist der Tod,
unbewüsst die Stund.[1]

Gná: Vielen Dank für die Bewirtung! Der Wun Yu schmeckt wunderbar.

Ernst: Wir haben von den Namen gesprochen.

Gná: Und nun möchtest Du wissen, was Gná bedeutet.

Ernst: Und weshalb Du beim Wiehern von Hofvarpnir immer so schnell davonfliegst.

Gná: Gná bedeutet die Emporragende. Ich bin die Frau, die über etwas hinausragt. Ich arbeite für Frigg, die mich als Botin in verschiedene Weltgegenden entsendet. Wenn Hofvarpnir wiehert, müssen wir sofort losfliegen.

Ernst: Weshalb schickt sie kein SMS oder eine Email?

Gná: Wenn’s pressiert bin ich mindestens so schnell. Aber Schnelligkeit ist Nebensache. Was zählt ist die Diskretion. Und was Du Zeit nennst, gibt es bei uns ohnehin nicht.

Ernst: Du bist eine Botin und behauptest allen Ernstes, dass die Zeit keine Rolle spielt?

Gná: Zeit gibt es bei uns nur, wenn sich etwas ereignet.[2] Wenn wir in Fensalir ein Fest feiern oder wenn Frigg dereinst um ihren Sohn Baldr weinen wird, da ereignet sich Zeit, sonst jedoch sprechen wir nicht von Zeit. Aber jetzt, da Du die Emails erwähnst – hast Du schon je eine Botschaft nach Niflheim geschickt und eine Antwort bekommen?

Ernst: Niflheim?

Gná: So nennen wir das Jenseits.

Ernst: Heisst das, dass unter der Nebelbank –

Gná: Das Haus der kahlen Sängerin war früher das Zollhaus. Hier kamen die Seelen der Verstorbenen an, machten den Check-in und dann ging’s hinab ins Nebelheim.

Ernst: Und heute?

Gná: Heute gibt’s die Check-in-Automaten.

Ernst: Und warum habe ich noch nie einen gesehen?

Gná: Du wirst sie sehen. Sie sind überall.

Ernst: [Schon zur Zeit des Wellness Journals hat sich Ernst Gedanken über den Tod gemacht. Doch das Thema schien ihm damals zu traurig und er hat die entsprechende Episode beiseitegelegt.]

Ernst hat grosse Lust auf Süsses. No wonder, es ist Nachmittag, die Unruhe kommt. Ernst ist gegenüber diesem Plagegeist machtlos und isst kopflos Korinthen, Mandeln und Tartufi neri. Dann trinkt Ernst 1 Tasse vom kräftigen Assam Maud (mit wenig Milch und 3 Prisen Zucker) und lässt 1 Hefenussgipfel und (weil der Bann nun ohnehin gebrochen ist) noch ein paar Bergfeigen in Ernsts Rachen verschwinden. Nach dem Nachtessen ist es Ernst, als höre Ernst den Bakerloo Line Train vorbeifahren. Ernst erschrickt. Hört denn das mit diesen Traumgesichtern nie auf? Ernst rennt zur Turmuhr des Monasteriums und schaut zum ersten Mal genauer hin. Da entdeckt Ernst unter dem Glockenspiel einen verwitterten Spruch:

INCERTA OMNIA
SOLA MORS CERTA[3]

Ernst schaut hinauf und hört, wie Ernsts Herz klopft. Ernst stellt Ernst vor, wie Ernst mit jedem Herzschlag auf Ernsts Tod zugeht (zurast?), dem Tod atemlos entgegenschnauft? Oder umgekehrt: dass der Tod – eine Tödin? – auf Ernst zukommt, um Ernst zu einer Ernst noch verborgenen Stunde kaltzumachen. Toc! und schon ist Ernst wieder 1 Schlag näher der letzten ungewissen Stunde, wo Ernst das Zeitliche segnen ‹wird›. Toc, toc – 2 Schläge näher der letzten ungewissen Stunde, wo die Luft das letzte Mal Ernsts Lungenflügel füllen ‹wird›. Toc, toc, toc – anscheinend ist die Stunde noch nicht da. Aber eines schönen Tages oder zur Zeit des Morgengrauens oder wenn das Siebengestirn aufgeht, wird Ernsts letztes Stündlein ‹schlagen› – 1 für alle Mal.

Gná: [besorgt] Ernst?

Ernst: Wann … wann ist dieses ‹wirst›?

Gná:

Ih sage dir âne spot,
daz nehein erdische man
sînen tôt wizzen kan,
wandiz ne wêre ime niwit gût,
er ne wurde niemer wol gemût.
Iz ne quême ime niwit rehte,
swanner dar ane dêhte.
Ime ne wêre niwit deste baz,
wane alser sturbe al den tach.

[Ernst nippt am Wun Yu.]

Ich sage Dir ohne Scherz,
dass kein Mensch auf Erden
seinen Tod wissen kann,
denn es wäre für ihn nicht gut,
er würde nie wieder wohlgemut.
Es käme ihm nicht gelegen,
wann immer er daran dächte,
ginge es ihm nicht besser,
als wenn er jeden Tag stürbe.[4]

Ernst: [schaut zur Nebelbank] Fliegst Du immer allein oder könnte ich auch mal mitkommen?

Gná: [lacht] «Wäre es doch möglich, mit ausgebreiteten Segeln dorthin zu fahren?»[5]

Ernst: Ja?

Gná: So sei’s denn!

Ernst: Und wo würdest Du mich placieren?

Gná: Ich könnte Dich in die Satteltasche stecken.

Ernst: Da sehe ich nichts! Und darum geht es ja gerade!

Gná: Hofvarpnir fliegt so schnell, dass deine Augen ohnehin nicht nachkämen.

Ernst: Und wenn die Zeit auf meine Verhältnisse heruntergerechnet würde?

Gná: Auch dann nicht.

Ernst: Das verstehe ich nicht.

Gná: Du erkennst nichts, weil es jenseits Deiner Vorstellungskraft liegt. [nippt am Wun Yu] So paradox es klingt, aber man kann eben nur das erkennen, was man schon kennt.

Ernst: Und ein Gerät, das nicht nur die Zeit, sondern auch das Geschaute umwandelte? wie ein Transformator, der die Hochspannung auf 230 Volt herunterschraubt?

Gná: Da könntest Du ebenso gut dein Handy an das Fenster eines Schnellzugs halten.

Ernst: Wie meinst Du das?

Gná: Mit einem (für deine Augen) formatierten Film könntest Du nicht viel mehr als ein vorbeiflitzendes Grün wahrnehmen oder (wenn die Wiese dem Meer weicht) Striche aus blau und weiss und wenn das Meer einem blühenden Rapsfeld weicht, gelb. Niflheim, so wie es wirklich ist, sähst Du auch mit der besten Transformation nicht. Da hilft kein Trick, kein Kniff, kein Dreh, kein Schmäh.

Ernst: Auch nicht, wenn Du anhältst?

Gná: Auch dann nicht. Was Dir fehlt, sind die Begriffe. Im Übrigen ist es dort nicht halb so aufregend, wie Du es Dir vorstellst. Genau genommen ist es wie eine Stadt im Winter nördlich des Polarkreises: bummelig, grau in grau und schlafmützig.

Ernst: Aber prinzipiell wär’s möglich?

Gná: Ja.

Ernst: Und wie ist es mit den Geräuschen?

Gná: Wenn wir durch die Nebelbank fliegen, hört es sich wie ein Kribbeln an … [sucht nach einem Vergleich] wie das feine Klirrklirr, wenn der Dessertlöffel die Zuckerkruste einer gebrannten Crème brûlée durchbricht[6], in Niflheim jedoch könnte es für Deine Ohren allerdings schnell einmal unangenehm werden.

Ernst: Und für Deine Ohren?

Gná: Für meine Ohren ist es Musik!

Ernst: Wann fliegen wir?

Gná: Morgen?

Ernst: Abgemacht?

Gná: Tope-la!


[1] Inschrift von 1768 am Stöklin & Ofenhaus, dem sog. Löwenstock (ehemals Gerichtsstube), Heimiswil

[2] Gná nimmt hier Bezug auf Episode 89, wo Ernst in einer Fussnote darauf hinweist, dass ‹Ereignis› auf ‹eröugen› zurückgeht und ursprünglich ‹vor Augen stellen› bedeutete. Zeit ist somit etwas, das man sehen kann.

[3] Alles ist ungewiss, nur der Tod ist gewiss. Augustinus von Hippo, Enarratio in Psalmum 38.19, Übersetzung Ernst

[4] Pfaffe Lambrecht, Alexanderroman, 5990-5998, übersetzt von Elisabeth Lienert

[5] Quo utinam velis passis pervehi liceat! M. Tulli Ciceronis tusculanarum disputationum, I/19, Gespräche in Tusculum, Übersetzung Ernst

[6] Episode 55