102 Wie Ernst seine neue Umgebung erkundet.

Ernst geht vor das Haus der kahlen Sängerin und schaut über die Böschung. Was Ernst irritiert, ist das Gebilde am rechten, unteren Bildrand, das auf der weissen Fläche, auf der Nebelbank? schwebt? aus ihr herausragt? in sie versinkt?

 

 

Ernst entschliesst sich, die Sache von nah anzuschauen und schlendert den Abhang hinunter. Ernst ist sich sicher, in einer Viertelstunde unten zu sein, doch jetzt, wie er im weglosen Gelände absteigt, zieht sich der Abstieg in die Länge. Dazu kommt, dass Ernst die falschen Schuhe trägt. Anstatt Espadrilles wären Wanderschuhe mit stark profilierter Sohle angesagt. Aber noch immer glaubt Ernst, in einigen Minuten unten anzukommen und so steigt er weiter ab. Während er sich von Gebüsch zu Gebüsch hangelt, denkt er an den Weg, der von der Kastanienklause zum Fluss hinunterführte, er sieht das Schild ‹Zum Dentisten› und denkt an seine Fundgegenstände, die er im Schwellenmuseum ausgestellt hatte – wäre er also vielleicht nicht besser? Ernst ruft «Ah-tà!» und steigt weiter ab. Aber nach einer weiteren Stunde muss es Ernst aufgeben. Entweder senkt sich mit jedem Schritt die Nebelbank oder Ernst erliegt einer Fata Morgana. Ernst kehrt also um. Aber beim Aufstieg kommt alles noch viel schlimmer, denn Ernsts Kondition ist so schlecht, dass er schon nach wenigen Schritten stehen bleiben muss.

Hier erinnert Ernst Ernst an die Schulzeit, als der Turnlehrer sagte, dass Ernst mehr ausatmen als einatmen müsse. Ernst setzt Ernst also wieder in Bewegung und atmet mit dem ersten Schritt ein und da Ernsts Lunge noch nicht ganz gefüllt ist, atmet Ernst mit dem zweiten Schritt noch weiter ein. Dann, beim nächsten Schritt, atmet Ernst aus und da Ernsts Lunge noch nicht leer ist, macht Ernst einen weiteren Schritt und atmet weiter aus und da Ernsts Lunge noch immer nicht ganz leer ist, atmet Ernst noch weiter aus. Ernst hat somit zwei Atemzüge eingeatmet und dabei je einen Schritt gemacht und drei Atemzüge ausgeatmet und dabei je einen Schritt gemacht, was einem 2:3-Rhythmus entspricht. In diesem Rhythmus – ‹ein-ein, aus-aus-aus› – geht Ernst ungefähr zehn Minuten weiter bergauf, aber dann kommt Ernst immer mehr ausser Atem und sieht Ernst gezwungen, den Rhythmus zu wechseln. Anstatt ‹ein-ein, aus-aus-aus› atmet Ernst jetzt ‹ein-ein, aus-aus› was allerdings nicht mehr der Theorie des Turnlehrers entspricht (denn Ernst atmet jetzt gleich lang aus wie ein) und Ernst befürchtet, dass sich das über kurz oder lang rächen wird. Doch bevor Ernst etwas Negatives bemerkt, kommt Ernst erneut ausser Atem und muss den 2:2-Rhythmus aufgeben. Anstatt ‹ein-ein, aus-aus› atmet Ernst jetzt ‹ein, aus-aus›. Das hat zwar den Vorteil, dass Ernst wieder der Empfehlung des Turnlehrers entsprechend atmet (und Ernst atmet erleichtert auf), gleichzeitig aber weiss Ernst auch, dass, sofern Ernst diesen 1:2-Rhythmus nicht mehr halten kann, Ernst in einen 1:1-Rhythmus wechseln muss, was nicht nur der Empfehlung des Turnlehrers zuwiderläuft, sondern die Frage aufwirft: «Was dann?» Denn nur ein ½ Mal ein und ein volles Mal aus ist nicht machbar. Aber Ernst atmet ja immer noch im 1:2-Rhythmus und hofft, das Haus der kahlen Sängerin noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Doch dann ist es soweit: Ernst kann auch den 1:2-Rhythmus nicht mehr halten. Da hat Ernst den rettenden Einfall, den ½ Atemzug wie folgt einzubauen: Ernst atmet mit dem ersten Schritt ein und mit dem zweiten Schritt aus, dann einmal ein und zweimal aus, dann wieder einmal ein und einmal aus. Ernst alterniert also zwischen einem 1:1- und einem 1:2-Rhythmus: ‹ein-aus, ein-aus-aus, ein-aus, ein-aus-aus›. Doch dann kann Ernst auch diesen Rhythmus – Ernst nennt ihn den ‹Hinkefuss› – nicht mehr einhalten und sieht Ernst gezwungen, in den 1:1-Rhythmus zu wechseln und dann – entweder aus Panik oder weil Ernst am Ende der Kräfte ist – ist es so weit: Ernst kann auch den 1:1-Rhythmus nicht mehr halten und muss nach Atem ringend stillstehen.

Ernst blickt nach oben, doch das Haus der kahlen Sängerin ist noch nicht in Ernsts Sicht. Ernst startet also von neuem und beginnt – jetzt, da Ernst Ernst etwas erholt hat – mit dem 2:3-Rhythmus, wechselt dann nahtlos in den 2:2- und von dort in den 1:2-Rhythmus, um (über den Hinkefuss) im 1:1-Rhythmus noch etwa 10 Minuten weiterzugehen und ausser Atem erneut innezuhalten.

Inzwischen ist es dunkel geworden, doch zum Glück steht der Mond still leuchtend am Himmel. Ernst setzt Ernst hin und singt (nachdem sich Ernsts Atem wieder beruhigt hat):

Ernsts Mond ist aufgegangen,
Ernsts goldne Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Ernsts Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus Ernsts Wiesen steiget
Der weisse Nebel wunderbar.[1]

Während Ernsts Blick vom Mond zu dessen Abbild auf der Nebelbank gleitet, hört Ernst ein Flirren und Ernst ruft:

Was fliegt dort?
Was bewegt sich dort?
Was schwebt durch die Luft?

Hvat þar flýgr
Bvat þar ferr
Eða at lopti líðr

Da antwortet Gná:

Ne ek flýg
þó ek ferr
ok at lopti líðk
á Hófvarpni.

Ich fliege nicht,
doch bewege ich mich
und schwebe durch die Luft
auf Hófvarpnir.[2]

Ernst atmet erleichert auf und macht das Autostoppzeichen. Da lenkt Gná ihr Pferd zum erschöpften Wanderer und fragt: «Wohin des Wegs?» Ernst sagt, er wohne im Haus der kahlen Sängerin. Gná schnalzt mit der Zunge, worauf sich Hófvarpnir zu Ernst hinuntersenkt, so dass Ernst wie bei einem Neigebus mühelos aufsteigen kann. Beim Haus der kahlen Sängerin angekommen, bedankt sich Ernst und ruft: «Das war ein grosses Vergnügen!» Und Gná ruft im Wegfliegen: «The pleasure was entirely mine! A presto!»

Ernst geht ins Haus, macht sich einen Yun Wu und ruft: «Was war das doch für 1 aufregewende und folgen=schwere Aventüre!»[3] Dann öffnet Ernst die Mappe mit dem Titel «Der Dichtungsstoff» und schreibt alles detailgetreu auf. Dabei wird sich Ernst bewusst, dass er ‹The pleasure was entirely mine› lediglich als Abschiedsformel verstanden hat. Wie aber, wenn es Gná Ernst gemeint hat? und mit ‹pleasure› ein wirkliches Vergnügen bekunden und mit ‹a presto› tatsächlich ‹auf bald› sagen wollte?[4] Ernst schaut mit leuchtenden Augen über die Nebelbank, die im Mondlicht blinkt und phosphoresziert, was ihn an Glühwürmchen und Meeresleuchten erinnert. Ernst ruft: «Chissà chissà!» Dann legt er sich auf den Futon, atmet im 1:2-Rhythmus einmal ein und zweimal aus und ist (ohne auch nur 1 Schaf gezählt zu haben) sofort hin und weg.


[1] Matthias Claudius, Abendlied

[2] Snorri Sturluson, Gylfaginning, Kap. 35, aus dem Altisländischen übersetzt von Gottfried Lorenz, s. auch Episode 29

[3] Episode 80

[4] Hier erinnert sich Ernst an Toni, der sich in Episode 78 mit denselben Worten verabschiedete und es bekanntlich ebenfalls Ernst meinte.